Wie, wenn ein Schriftsteller die Weltgeschichte nicht mehr ernst nimmt? Soll man das Ergebnis solcher Respektlosigkeit dann ernst nehmen? – Der respektlose Schriftsteller heißt Herrmann Mostar – das Ergebnis:

Weltgeschichtehöchst privat (Scherz & Goverts Verlag Stuttgart, 253 S. Illustrationen von Asta Ruth. 8,50 DM.)

Wie privat sich Mostar über die Weltgeschichte hermacht, ersieht man daraus, daß bei ihm nicht etwa philosophische Ideen oder ökonomische Prinzipien Geschichte schaffen, sondern – Liebe und Klatsch. "Der Klatsch schuf die Liebe, die Liebe schafft den Klatsch, und beide schaffen Geschichte", behauptet Herr Mostar. Könnte man ihm doch wenigstens klipp und klar das Gegenteil beweisen! Seit er aber vor einigen Jahren auf Nimmerwiedersehen in einem Gerichtsgebäude verschwand, ist ihm mit landläufigen Argumenten nicht mehr beizukommen. Beweise – doch wer kann –, daß der Sündenfall nicht durch Klatsch entstand, daß man im alten Rom nicht Automatenrestaurants kannte, daß die Reformation nicht kam, weil die Buchdruckkunst erfunden worden war und die Verleger (immer sind es die Verleger!) Absatzmärkte für ihre Bibeln – und zwar deutsche – brauchten und nur die Reformation einen ausreichenden Bibelbedarf erzeugen konnte – wie andererseits die Reformation, frei nach Mostar, dem Heringshandel und damit der Hanse das Rückgrat brach, weil sie mit den Fasttagen, an denen Heringe gegessen wurden, Schluß machte.

Haben wir nicht alle auf der Schule gelernt: "Andere mögen Kriege führen; du, glückliches Österreich, heirate...". Selbst diese hübsche Vorstellung vermiest einem der Mostar völlig, indem er sie als Klischee entlarvt, weil die Habsburger nicht etwa die Kunst beherrschten, Geld und Macht zu erheiraten, sondern ganz einfach... zu lieben. Liebten sie nicht, heirateten sie aus Vernunftgründen, fielen sie in den Graben.

Was steht hinter dem französisch-österreichischen Konflikt und somit hinter dem Dreißigjährigen Krieg? Bei Mostar: drei kleine Brautraube und drei große Lieben; was hinter dem preußisch-österreichischen Gegensatz? Ohrfeigen, gleich sechs an der Zahl. Mit der Geschichte jongliert Mostar wie der Seehund mit dem Ball. Man lese mal nach, warum Maria Theresia nicht Friedrich II. geheiratet hat, oder was es mit dem Gründer von Karlsruhe – genauer Karls-Ruhe, dem Markgraf Karl Wilhelm, auf sich hatte, und den, sehr hübschen 160 Gartenmädchen, die mit ihm Tarock ’spielen mußten...

Na ja, Spaß muß sein, würden alle ernsthaften Historiker sagen und zur üblichen "Dynastien-Schlachten und Frieden von... Geschichte zurückkehren, müßten sie nicht beunruhigt feststellen, daß diese Weltgeschichte nicht so ganz "privat" gemeint ist. Mostar will belehren, will entlarven: Was man da etwa über den "Soldatenkönig" liest, findet man kaum irgendwo aggressiver, haarsträubender und vernichtender als bei Mostar. Und er versucht, das Netz von Wohlanständigkeit zu zerreißen, das die Geschichte um Friedrich Wilhelm III. gewoben hat, den das Volk "den Guten" nannte.

Vielleicht sollte man nicht in jedem Falle nachprüfen, wie es mit den wesentlichen historischen Belegen bei Mostar steht. Nein, ernst nehmen sollte man das Buch wirklich nicht. Dann wird es zugleich eines der vergnüglichsten Bücher sein, das man seit langem in die Hand bekam. w. e.