Die Wahlen vom 2. November zum 84. Kongreß der Vereinigten Staaten erreichten mit mehr als 43 Millionen Wählern die bisher höchste Beteiligung an einer "Zwischenwahl", die zwischen den Präsidentschaftswahlen stattfindet. Die Wahlsiege in den einzelnen Staaten kamen vielfach mit hauchdünnen Mehrheiten zustande. Die Republikaner haben die bisherige, knappe Mehrheit im Senat verloren, da der einzige unabhängige Senator, der frühere Republikaner Wayne Morse bereits erklärt hat, er werde bei der Feststellung der Senatsmehrheit mit den Demokraten stimmen. Das bedeutet, daß den 47 republikanischen Senatoren 49 Demokraten gegenüberstehen. Der künftige Führer der Senatsmehrheit wird also der demokratische Senator Lyndon B. Johnson, nicht mehr der umstrittene republikanische Senator Knowland sein. Die Machtübernahme der Demokraten im Repräsentantenhaus ist durch einen glatten Wahlsieg sichergestellt worden, bei dem sie 232 Sitze gegenüber den 203 Sitzen der Republikaner gewannen.

Der neue Sprecher des Hauses wird der 72jährige Demokrat Sam Rayburn aus Texas sein, der dem Haus seit 41 Jahren angehört und neun Jahre länger als irgendeiner seiner Vorgänger Sprecher war. "Mister Sam", wie er in Washington genannt wird, der mächtigste Mann im 84. Kongreß, wird maßgeblichen Einfluß darauf haben, wie die demokratische Legislative mit der republikanischen Exekutive zusammenarbeiten wird. Die alte Freundschaft zwischen Rayburn und Eisenhower hat zwar durch den republikanischen Angriff auf die Demokraten als "die Partei des Verrats" einen argen Stoß erlitten. Aber Eisenhower wird wahrscheinlich Mittel und Wege finden, dem alten Freund Genugtuung zu geben und Vorsorge zu treffen, daß diffamierende Angriffe dieser Art sich nicht wiederholen. Ist hierdurch das alte freundschaftliche Verhältnis wiederhergestellt, so wird "Mister Sam" seiner ganzen Persönlichkeit nach wohl kaum seine Autorität benutzen, um Präsident Eisenhower Verlegenheit zu bereiten. Zu der Generation jüngerer demokratischer Abgeordneter, denen Rayburn durch lange Jahre kluger Berater war, gehört auch sein Landsmann Lyndon B. Johnson, der demokratische Führer im Senat, der trotz gelegentlicher Meinungsverschiedenheiten mit dem älteren Freund schwerlich eine feindliche Haltung gegenüber Projekten einnehmen dürfte, die "Mister Sam" unterstützt.

Rayburn und Johnson sind also die demokratischen Parlamentarier, mit denen sich der republikanische Präsident abstimmen muß, wenn er die Schwierigkeiten überwinden will, die sich für seine republikanische Exekutive aus der Wahl einer demokratischen Legislative ergaben. Die Möglichkeit der Zusammenarbeit wird durch die Tatsache bestärkt, daß beide Parteien etwa gleichstark sind und daß sie keinen Fraktionszwang kennen.

Bemerkenswert war die Reaktion der New Yorker Börse auf das Wahlergebnis. Die "New York Times" schilderte sie wie folgt: "... Die Kurse an der New Yorker Wertpapierbörse schossen in die Höhe und erreichten die höchsten Gewinne seit dem 5. September 1939, jenem ersten Börsentag nach dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges..." Ernst Krüger