Triest, Anfang November

Als am Vorabend des italienischen Einmarsches Zehntausende auf Wagen und Rädern dem Grenzübergangsort Duino (dem Duino von Rilkes "Elegien") entgegenfuhren, war’s ein einziges frenetisches Singen und Hupen. Auf einem Lastwagen, der die Inschrift trug: "Wir sind die Angehörigen der Märtyrer für das italienische Istrien", stieß ein junger Mann den Ruf aus: "Tito! Das Schwein!" Da aber zogen ihn die Begleiter in den Wagen zurück und sein Mund blieb halboffen, der zum nächsten Rufe ausholen wollte. An diesen Tagen herrschte in Triest ein so wildes, enthusiastisches Treiben, daß man sich in die Zeit des Duce zurückversetzt fühlte. Dabei wäre es so ganz und gar falsch, das politische Klima von Triest "faschistisch" zu nennen. Die Wortführer der Triestiner waren im ersten Weltkrieg Sozialisten. Sie sind Mussolinis Weg nicht mitgegangen. Weder Giani Stuparich, Träger der Medaglia d’oro, der höchsten italienischen Auszeichnung, und bedeutender Schriftsteller wie jeder an seiner auch ins Deutsche übersetzten Erzählung "Die Insel" nachprüfen kann, noch Italo Svevo, heute gewiß der am meisten von europäischem Geist erfüllte Triestiner Dichter, weder Quarantotto-Vater, der Dokumentarier der Stadt, noch Quarantotto-Sohn, der Lyriker: keiner von ihnen war je Faschist. Aber sie leben alle das Schicksal dieser Stadt, die nicht aufgehört hat, das Abenteuer seiner Bewohner zu sein.

Haß gegen die Slawen Titos beherrscht sie nicht. Gewiß, sie wollen die Gesichter dieser "Drusen" am liebsten nicht sehen. Aber Haß ist es nicht, denn viele Triestiner würden damit ja ihre eigene Herkunft verachten. Spucken sie damit nicht ihren Großeltern ins Gesicht?

Jetzt, da der wilde Jubel nur eine Erinnerung ist, wird klar, welche Empfindungen sich in diesem Begeisterungssturm entladen haben: überstandene Angst und glühender Zukunftsglaube. Deshalb haben die Triestiner den ersten italienischen Offizier mit fast grausamer Heftigkeit aus seinem Wagen gerissen: sie rissen damit ihre körpergegewordene Seelennot von neun Jahren fremder – und gewiß nicht schlechter – Regierung an ihr Herz zurück. Den Carabinieri pflückten sie alle "Sternchen" ab, gewiß nicht aus Feindschaft, sondern in einem Übermaß an Besitzenwollen. Die grünen Federn der "Alpini" waren bald nur noch hörnerne Stengel, und nur mit Mühe konnten die Federbüsche der "Bersaglieri"-Helme vorm Zerzaustwerden gerettet werden. Verständlich, daß die verblüfften Soldaten, denen auf Schritt und Tritt Händeklatschen und Eviva l’Italia-Rufe entgegenschollen, sich nicht sobald an ihre leicht divenhafte Rolle gewöhnen konnten. Heute beginnen sie indessen, an ihren höheren Menschenberuf zu glauben.

Übrigens hat sich die ganze Aufregung der Gefühle in einigen Schwierigkeiten ausgewirkt, die möglicherweise noch ein Nachspiel haben werden. Dem italienischen Kommandanten, General De Renzi, haben es die Bürger von Triest unmöglich gemacht, den Weg durch das Menschenmeer zu finden. So konnte er mit dem britischen Kommandierenden, General Winterton, und dem amerikanischen General Dabney, nicht pünktlich zusammentreffen. Tausende von Polizeikräften reichten nicht mehr aus, die Absperrung der Straßen zu sichern, auf denen die Generale und Truppen hätten paradieren sollen. So blieb der britische General an Bord des englischen Zerstörers, auf dem er seit einigen Tagen sein Quartier aufgeschlagen hatte.

Seit den blutigen Zusammenstößen zwischen britischer Polizei und Bevölkerung vom 8., Oktober vergangenen Jahres könnte Winterton keinen Zweifel darüber haben, daß viele Triestiner ihn nicht freundlich gesonnen seien. Auch müssen ihm Drohungen zu Ohren gekommen sein. Und nun die unübersehbare schäumende Menschenflut! Kein Wunder, daß die Herrschaften auf die Idee kamen im Vestibül des "Excelsior" durch einen Trinkspruch alle Paraden und Proklamationen, die auf dem Platz der "Unita" hätten stattfinden sollen, zu ersetzen. General Dabney und der Bischof von Triest, Santini, waren erschienen und warteten auf den Terso, den dreigeteilten Trinkspruch. Auf jeden Meldegänger, der durch die Hoteltüre hereinkam, zückten sich Bleistifte und Objektive, und das weißgekleidete Mädchen mit der grünweißroten Schleife um Kleid und Blumenstrauß zitterte zum zehnten Male, daß es seinen Spruch aufsagen mußte. Alles umsonst. Denn schließlich teilte der Major Pelucci, der im Auftrag General De Renzis den britischen Kommandanten vom Zerstörer abholen sollte, mit: General Winterton bedaure, die Abreise nicht länger aufschieben zu können, er sei jedoch an die Anordnungen seines Gastgebers gebunden, der bei der hochgehenden See fürchte, Malta und das dort wartende Anschlußflugzeug nach London nicht rechtzeitig zu erreichen. Er hätte daher in Major Pelucci den Vertreter der italienischen Streitkräfte begrüßt, und ihn gebeten, mit ihm auf das Wohl Triests und Italiens anzustoßen und General De Renzi zu grüßen. Gleich darauf fuhr der Zerstörer "Wirbelwind" ab, während mancher aus der Menge am Kai alten und neuen Groll mit Pfiffen an Wintertons Adresse kundtat.

War es aber nicht so, daß der britische General in Wirklichkeit einer letzten Begegnung mit der Triestiner Bevölkerung auswich, die ihm den 8. Oktober 1953 nicht vergessen kann? Immerhin, es blieb ein Schatten. Das alliierte Regime von Triest siechte in einem verödenden Hotelvestibül in den Gestikulationen enttäuschter Prominenter und dem etwas müden Lächeln des Generals Dabney und dem noch mühsameren des Bischofs Santini dahin. Der Bevölkerung von Triest fiel auf, daß in dem Moment, an dem der britische Zerstörer die freie See gewann, die Sonne aufging. Die Symbolisten der Stadt ließen sich dieses Ereignis natürlich nicht entgehen. Aber heute fällt ihnen ein: Ein paar Dankesworte an eine verflossene Regierung, die im großen und ganzen klug und menschlich vorging, hätten sie in allem Jubel getrost nicht vergessen sollen. David Sante