Daß die Sowjetische Regierung den überraschenden Vorschlag, Freiherrn Konstantin von Neurath aus Spandau zu entlassen, aus politischer Berechnung tat, kann die Genugtuung über den Sieg der Menschlichkeit nicht trüben. Was immer die politische Mitverantwortung des früheren Außenministers an der Politik des Dritten Reiches war, ein Kriegsverbrecher war er nicht. Seit Jahren bereits hat die Tschechoslowakei auf die Auslieferung des Reichsprotektors verzichtet, der tat, was er konnte, um das Los der Bevölkerung Böhmens und Mährens erträglich zu gestalten. Hitler entließ ihn schließlich aus allen Ämtern. Von dem Bauernhof in seiner schwäbischen Heimat aus war er in Fühlung mit den Widerstandsgruppen der Oberbürgermeister Strölin und Goerdeler. In den sich neigenden Jahren des Krieges beschwor er Rommel, alles daran zu setzen, um den sinnlosen Kampf zu beenden. Man darf Neurath aufrichtig wünschen, daß er, der herzkrank und halb erblindet ist, sich nach den Jahren der Haft, des Tütenklebens und der kleinen Schikanen noch eines Lebensabends in Freiheit erfreuen kann.

Und es wird Zeit, daß man den übrigen Gefangenen ebenfalls Humanität erweist. Dafür spricht auch das Recht. Die alliierten Mächte hatten ihre Chance, über Schuld oder Unschuld der Gefangenen zu befinden. Sie haben sie vorbeigehen lassen, als sie in Nürnberg nach nachträglich erlassenen Strafgesetzen Prozesse führten und Urteile fällten, die wertlos sind und die das Gericht jedes gesitteten Staates kassieren würde. Vor allem aber muß man die Forderung, die kürzlich erst am Tag der Kriegsgefangenen erhoben wurde, wiederholen: die deutschen Kriegsgefangenen und die Zivilverschleppten, die noch immer in Gefangenschaft sind, endlich in die Heimat zu entlassen. Es wird Zeit, daß die Rache beendet und dem Gebot der Menschlichkeit die Ehre gegeben werde.

v. Zühlsdorff