Den diesjährigen Nobelpreis für Physik hat die Schwedische Akademie der Wissenschaften zu gleichen Teilen an die beiden deutschen Gelehrten Professor Dr. Max Born und Professor Dr. Walther Bothe (Heidelberg) verliehen. Die beiden Wissenschaftler sind über die Fachkreise hinaus wenig bekannt. Das hat zwei Gründe: einmal ist mit ihren Namen keine sensationelle Erfindung verknüpft. Und zudem sind ihre Arbeiten – als bedeutende Teile der modernen theoretischen Physik – außerordentlich schwierig und abstrakt. Als Born jetzt – 28 Jahre nach seiner statistischen Interpretation der Quantenmechanik, für die er, zusammen mit seiner Kristallgittertheorie den Preis erhielt – von Journalisten nach seiner Meinung dazu gefragt wurde, fand er das "ganz in Ordnung". "Auch wenn der Preis ausgeblieben wäre, wäre ich nicht enttäuscht gewesen. Ich habe keine spezifische Entdeckung von unmittelbarem wirtschaftlichem Nutzen gemacht, wie Nylon und Neonlicht. Ich habe nur ein Denkschema entwickelt." Dieses Denkschema aber ist von erheblicher Bedeutung für unsere Gesamtweltanschauung.

Nachdem Max Planck die Quantenstruktur der Energie aufgezeigt hatte und Bohr und Heisenberg den Atombau geometrisch und energetisch gedeutet hatten, griff Born zusammen mit Pascual Jordan diese Lösungen auf. Durch einen radikalen Verzicht auf die Anschaulichkeit der Bohrschen Elektronenbahnen und durch Anwendung statistischer Methoden gelang es ihm, eine Reihe von Erscheinungen zu erklären. Bis 1865 hatte Maxwell in seiner bekannten Theorie die Existenz der elektromagnetischen Wellen vorausgesagt. Zwanzig Jahre später gelang es Heinrich Hertz, diese Hypothese im Laboratorium in die Praxis umzusetzen; damit war gezeigt, daß auch die Lichtwellen ihrem Charakter nach eine spezifische Art der elektromagnetischen Wellen sind. Born gab nun – ähnlich wie in der kinetischen Gastheorie – eine statistische Erklärung der Wellenmechanik. Er ging dabei von der Überlegung aus, daß alle Prozesse, die sich auf sehr viele Fälle beziehen, für die statistische Methode besonders geeignet sind. Er faßte die Wellen nicht mehr als reale räumliche Gebilde (wie etwa die Wasserwellen) auf, sondern als abstrakte mathematische Symbole, die durch statistische Wahrscheinlichkeiten eines Systems bestimmt werden. Neben wichtigen Arbeiten zur allgemeinen Relativitätstheorie verdankt die Physik Born zahlreiche grundlegende Ergebnisse auf dem Gebiet der Kristallforschung. Um 1920 herum konnte er durch neue sinnvolle Versuchsanordnungen die mittlere freie Weglänge des Moleküls (das heißt die Entfernung, die es durchschnittlich zwischen zwei Zusammenstößen zurücklegt) bestimmen und so zur Ausmessung der Atomkonstanten beitragen.

Bothe, ein Schüler Plancks, erhielt die hohe Auszeichnung für seine grundlegenden Forschungen über den Energieumsatz bei atomaren Prozessen. Diese Ergebnisse führten ihn dann zur Entwicklung der sogenannten Koinzidenz-Methode, die es gestattet, einzelne Elementarvorgänge aus dem unübersichtlichen Geschehen der Materie herauszugreifen und sie gesondert zu betrachten. Zusammen mit Kohlhörster konnte er die kosmische Höhenstrahlung als eine außerordentlich energieintensive und daher sehr durchdringende korpuskulare Strahlung nachweisen. Diese Arbeiten waren für die Erforschung der Höhenstrahlung – ein Gebiet, das heute die Physiker in aller Welt außerordentlich interessiert – bahnbrechend. Denn Bothe hat sich als einer der ersten mit der Umwandlung schwerer Atomkerne beschäftigt und sie mit elektrischen Zählmethoden untersucht. Dabei machte er eine weitere Entdeckung: er fand die Kern-Gammastrahlen, die sowohl bei künstlichen als auch bei natürlichen Atomumwandlungen entstehen. Chadwick griff diese Ergebnisse auf und entdeckte dabei das Neutron, ein Atomkernteilchen, das zusammen mit Protonen den Atomkern bildet.

Auch der diesjährige Nobelpreis für Chemie ging an einen der Öffentlichkeit kaum bekannten Namen. Er wurde dem amerikanischen Forscher Prof. Linus Carl Pauling vom California Institute of Technology, Pasadena, zuerkannt. Pauling hat als erster die chemischen Bindungen der Proteine erforscht und ihre Molekularmodelle dargelegt. Besondere Verdienste hat er sich um die Erforschung der Antikörper (Abwehrstoffe) und ihrer Aufbaustruktur erworben. Seiner Theorie nach besteht zwischen den normalen Gamma-Proteinen und den Antikörpern, die sich als Schutzstoffe im menschlichen und tierischen Blut immer dann bilden, wenn artfremde Eiweißkörper oder Bakterien in den Blutkreislauf gelangen, "Faltungs-Isomerie"; das bedeutet: derartige Verbindungen besitzen zwar eine voneinander abweichende Strukturformel, haben aber das gleiche Molekulargewicht. Paulings Forschungen sind für die gesamte Medizin von sehr großer Bedeutung. Und darauf – und nicht auf die Popularität oder die so viel zitierte "Allgemeinverständlichkeit" der wissenschaftlichen Arbeit – kommt es an. Leo Nitschmann