Die Uraufführung des Films „Angst“ (Hamburg, „Die Kurbel“) nach der gleichnamigen Novelle von Stefan Zweig mit Ingrid Bergman in der Hauptrolle und von Roberto Rossellini in Süddeutschland inszeniert, war für alle, die auf den Schriftsteller, die Schauspielerin und den Regisseur Hoffnungen setzten, eine Enttäuschung. Rossellini, der stilbildend für den Film nach diesem Kriege war, hat in kalter Routine die nach Zweig, abgewandelte Geschichte einer tüchtigen und berufstätigen Ehefrau, die ihrem nicht so energiegeladenen Mann untreu wird und an den Folgen fast zugrunde geht, in gepflegtem Milieu mit den schon bei Zweig so berechneten, aber unwahren psychologischen Schlüssen ins Bild gesetzt. Er hat dabei den besonderen Mut gehabt, lange Passagen von Stimmungsbildern einzuschieben. Er weiß, wie man eine unendlich lange Kette von dunklen Bildern aus einer nächtlichen, regennassen Großstadt zusammenfügen muß, um gleich am Anfang der Wirkung des Titels nachzuhelfen. Ja, er schreckt nicht davor zurück, einen dutzendweise in Filmen schon verbrauchten zelluloidmeterlangen Gang zu benutzen, an dessen Ende dann auch das erwartete Unglück beinahe passiert. Er hat die Ruhe, Bilder ohne Geschehen so lange vorüberziehen zu lassen, bis dem Zuschauer nichts anderes übrigbleibt, als auf die nächste Tat gespannt zu sein. Aber selbst da, wo er nach seiner eigenen erfolgreichen Schule in eine Fabrik mit exakt arbeitenden Maschinen hineinleuchtet, macht dieser genaue Spiegel der Wirklichkeit die darin agierenden Personen um nichts lebensechter. Wo die Erzählung der Phantasie noch einigen Spielraum läßt, decken die deutlichen Filmbilder sichtbar Unmöglichkeiten auf. Es entstand ein sogenannter „Frauenfilm“, bei dem man so schön weinen kann: Die überlastete Frau, die aus Verzweiflung in mehr Geduld, als atemberaubender Szene am Ende des Ganges (siehe oben) beinahe Gift nimmt, kehrt in die Arme des, ach, so guten Mannes zurück, der tatsächlich noch im rechten Augenblick als Retter erscheint, nachdem er sie bis in diese Ecke getrieben hat. Die Bergman fasziniert den Betrachter bis zu diesem Ende. Warum sie aber den Mann vorübergehend verließ, bleibt sowohl bei der Anlage ihrer Rolle als bei der des Ehemannes von Mathias Wiemann und der des farblosen Liebhabers völlig offen. Das aber war doch wohl der Kern der Problematik, der sich hier in äußerliche Knalleffekte auflöst. Erika Müller