Berlin, im November Im Gebäude des Völkerkundemuseums in Berlin-Dahlem konnte eine beachtenswerte Einrichtung vor kurzem auf eine zweijährige erfolgreiche Tätigkeit zurückblicken. Seit zwei Jahren vernehmen die Besucher des Museums während der Mittagsstunden aus einem durch schalldämpfende Vorhänge abgetrennten Raum seltsame, für die an Klangharmonie und Disziplin gewohnte europäische Ohren fremde "unkultivierte" Musik. Dieser Raum, geschmückt mit asiatischen Figuren, Zeichnungen und bequemen Sitzgelegenheiten, ist das Versuchsfeld des Dozenten für außereuropäische Musik an der Freien Universität und Leiter des Phonogrammarchivs des Völkerkundemuseums, Dr. Kurt Reinhard.

Die an den Musikdarbietungen interessierten Besucher haben täglich Gelegenheit, ein umfangreiches, monatlich wechselndes Programm zu hören. Die Übertragung der Musikvorführungen erfolgt durch ein Magnetophongerät, die notwendigen Unterbrechungen werden mit Erläuterungen eines Sprechers ausgefüllt. Das Ruderlied der Kongoneger, der "Goldregen" – ein seltsames Gesangs-Stück aus Westjava –, ein japanisches Liebeslied, das australische Raucherlied und andere ertönen aus dem Lautsprecher und führen den Lauschenden in eine geheimnisvolle Welt, lassen ihn für dreißig Minuten die moderne Welt und ihre Musik vergessen.

Dem Ordinarius für Psychologie an der Berliner Universität, Prof. Carl Stumpf, dem Gründer des Phonogrammarchivs, ist es zu verdanken, daß 1902 dieses außergewöhnliche Archiv in Berlin entstand. Bis 1922 war es im Psychologischen Institut, des Altberliner Schlosses untergebracht und nur ein kleiner Kreis, Prof. Stumpf, seine Assistenten von Hornbostel und Schneider, hatten nach der Jahrhundertwende die außerordentliche Bedeutung der wissenschaftlichen Erforschung der außereuropäischen Musik, der Musik der Naturvölker, erkannt. Erst zwei Jahrzehnt nach Beginn des 20. Jahrhunderts übernahm der Staat das Archiv und gliederte es der Hochschule für Musik an. Im Jahre 1908 rief Prof. Stumpf in einem Zeitungsartikel, der von fast allen deutschen Blättern gedruckt wurde, zur Unterstützung des Archivs auf – der Staat reagierte erst viel später. Dennoch wurde die ernste Krise durch private Geldspenden und durch das Eingreifen der Rudolf-Virchow-Stiftung überwunden.

Nochmals kam ein Rückschlag. Der Bestand des Archivs, 15 000 Walzen und Schallplatten, wurde durch das Kriegsende in Berlin auf ein Zehntel vermindert. Inzwischen wurden die abgerissenen Verbindungen zu den ausländischen Forschungsinstituten für exotische Musik neugeknüpft. Unverändert geblieben ist die permanente finanzielle Bedrängnis. Der Berliner Ethnologe Dr. Krieger kehrte im vergangenen Jahr von einer Ein-Mann-Expeditionsreise nach Nigeria für das Völkerkundemuseum und das Phonogrammarchiv zurück. Als Beförderungsmittel diente ihm in Afrika ein Fahrrad und für die Musikaufnahmen der Völkerstämme mußte ein vorsintflutlicher Phonograph mitgeführt werden, während amerikanische und englische Forscher mit modernen Tonbandgeräten arbeiteten. Trotz aller Primitivität gelang es, die kostbaren Phonographwalzen heil durch die halbe Welt nach Berlin zu bringen und auf Tonband umzuschneiden.

Bodo Zeyler