Im Brennpunkt des Gesprächs:

Ein auf dem Kasernenhof erprobter Unteroffizier ächzte: „Eine Affenschande! Da hat man die Kerls auf Draht gebracht, und an der Front verludern die Burschen!“ – Ein Bataillon, das in der vorderen Linie lag, weigerte sich, abgelöst zu Verden: „Sind wir erst hinten, werden wir bloß gedrillt!“ – Zwei Flieger erhielten hohe Auszeichnungen und die Erlaubnis, in einem Etappenstädtchen ihre Orden zu feiern ein Offizier, ein Unteroffizier. Im Unteroffizierkasino des Städtchens wurde der Offizier gebeten, nicht erst Platz zu nehmen; im Offizierskasino ließ man den Unteroffizier gar nicht erst hinein. Worauf die beiden Kameraden, die außerdem Freunde waren, unverrichteterdinge wieder zur Front „heim“-flogen. – Auf der Kriegsschule Potsdam schrieb ein Offiziersanwärter in einem Aufsatz: „Das Verhältnis zu den Untergebenen muß ein kameradschaftliches sein;“ sein höher Vorgesetzter, ein General, schrieb an den Rand: „Nee. Wenn sie Angst haben, ist es besser!“ – Solche Beispiele ad infinitum fortzusetzen, würde ich mich leicht erbötig machen können. Aber wozu? Ich würde Werner Picht aus meinen Kasernen- und meiner Fronterfahrung nicht überzeugen können, auch wenn ich ihm schwören wollte, daß zehn Stunden Feindflug in meiner Erinnerung viel leichter wiegen als eine Stunde Kasernenhofleben. Ich schwöre es und schlage das Buch von neuem auf:

Werner Picht: „Wiederbewaffnung“ (Verlag Günther Neske, Pfullingen, 183 S., 7,50 DM)

Sieh an: Obwohl Picht ganz deutlich die Absicht hat, die Pläne jener Gruppe im Amt Blank zu durchkreuzen, die, wie Graf Baudissin, entschlossen sind, eine neue, eine demokratische Form des Soldatseins zu schaffen, deckt er doch keineswegs die Mängel, die Schäden, die Gefahren der früheren Soldatenerziehung schonungsvoll zu. Im Gegenteil. Das Soldatsein, so schreibt er, „verbindet sich mit Erinnerungen an Dinge, mit denen man nichts mehr zu tun haben möchte. In ihrem Spiegel ist das Bild des Soldaten bis zur Unkenntlichkeit verzerrt“. Und er fügt hinzu: „Die wenigsten der heute noch Lebenden, ob sie nun Uniform getragen haben oder nicht, kennen ein an Haupt und Gliedern intaktes Soldatentum aus eigener Erfahrung.“ – Solche Worte mögen seltsam klingen für uns, die wir bedenken, daß Deutschland im vergangenen Kriege so viele Menschen unter den Waffen hatte wie nie zuvor: Männer, Halbwüchsige und sogar Frauen wurden unter das Soldatengesetz gestellt. Und wir alle sollten nicht gemerkt haben, was ein intaktes Soldatentum ist? –: dies ist keine rhetorische Frage. Es ist möglich, ja wahrscheinlich, daß Picht mit dieser seiner Behauptung recht hat. Er beweist sogar – ein klarer, tieflotender Geist – aus der Historie des Soldatentums, daß es aus ist, aus und vorbei mit dem, was alle Welt bisher als preußisch-deutsches Soldatenwesen oder -unwesen bewunderte oder fürchtete.

Aber warum – zum Potzbombengranatendonnerwetter – hilft dieser mit aller Klugheit, wenn auch einiger intellektueller Überheblichkeit ausgestattete Mann, der davon spricht, daß die Menschen der Gegenwart zum Tragen der Waffe verurteilt seien, warum hilft er nicht denen, die den alten Zopf nicht durch einen neuen Zopf, die alte „Schinderei“ und „Schleiferei“ nicht durch neue Schikane und schlechte Psychologie ersetzen möchten? Picht antwortet: „Meine Überlegungen ... entstammen der Sorge, daß die geplante Korn nimmt, scheint nicht zu wissen, daß es in dieser und um diese Stelle auch Militärköppe alten Schlages gibt, die nicht schreiben, nicht reden, höchstens ein paar Bemerkungen im „Kameradenkreis“ machen, nach denen gewiß ist: sie wollen den alten, den „echten“ Kommiß wieder lebendig machen. Und ihnen liefert Picht – ob er will oder nicht – die Argumente, die aus der gehobenen Philosophie gar geschwind in platte Kommandosprache herabgezerrt werden können.

„Das militärische Reglement“, sagt Picht, „entstammt einer alten Weisheit, der unsere Einfälle nicht ebenbürtig sind.“ Freilich hat er den Einfall, einem Zitat aus Wenigen Buch „Bürger. in Uniform“, das lautet: „Die neuen. deutschen Streitkräfte müssen dem Geist und den Ideen, von denen unser politisches Dasein getragen ist, Ausdruck geben“, den Satz hinzuzufügen: „Man darf ohne Zynismus fragen, ob denn unser politisches Dasein von welchem ‚Geist‘ auch immer getragen sei.“ Wir meinen: Unser politisches Dasein ist immerhin von soviel demokratischem Geist getragen, daß Militärs und Politiker gemeinsam Verstand genug für die Prüfung hätten, welche Leitsätze aus der alten Weisheit des militärischen Reglements denn vernünftigerweise ins neue Reglement übernommen werden sollten und welche nicht. Und wir wollen dabei nicht vergessen, daß im letzten Kriege nicht nur die Militärs Soldaten waren, sondern beispielsweise auch die heutigen Politiker. (Picht – dies nebenbei – lehnt das Parlament als Kontrollinstanz für die Wehrmacht ab.)

Warum und durch welche Umstände oder wessen Schuld das deutsche intakte Soldatentum zugrunde ging, dies erklärt der Historiker Picht mit großer Überzeugungskraft. Er hat gewiß auch recht; wenn er vom immer gültigen Wert des Vorbildes spricht, vom „Geschenk der Geschichte an die Nachfahren“, und wenn er sagt: „Ein Soldatentum, das diesen Schatz nicht hütet, verschleudert sein unersetzlichstes Gut.“ Aber all diese Einsicht Pichts dient im Grunde nur dazu, feinsinnig und in besserem Deutsch das zu sagen, was unser Feldwebel grob und in schlechtem Deutsch sagte. Der Feldwebel: „Man grüßt im Vorgesetzten die Uniform, verstanden!“ Picht: „Die Uniform verhindert, daß dem Menschen im Soldaten zu nahe getreten wird.“ Der Feldwebel: „Der Soldat darf sich beschweren, aber er tut es nicht.“ Picht: „Der Beschwerdeweg sollte auf schwere Fälle beschränkt bleiben.“ Und so weiter...