Im Gegensatz zum allgemeinen wirtschaftlichen Trend in der Bundesrepublik, aber auch zur Entwicklung der Baumwoll-, Seiden- und Samtweberei, sank in den ersten neun Monaten 1954 die Produktion der deutschen Tuch- und Kleiderstoffindustrie um 5,3 v. H., der Umsatz um 5 v. H. und! der Auftragseingang um 11 v. H. Da die Darinen- und Herrenkonfektion in der gleichen Zeit eine gute Auftrags- und Beschäftigungslage aufzuweisen hatte, beweist dieser Umstand, daß die ungünstige Beschäftigungslage der Tuch- und Kleiderstoffindustrie – Ende Oktober waren zum Beispiel in Aachen 500, in Mönchen-Gladbach 700 Kurzarbeiter registriert – durch die erheblich gestiegenen Wollgewebeimporte verursacht. wurde. In den ersten acht Monaten belief sich die Einfuhr auf etwa 5700 t und 109 Mill. DM und lag damit im Wert um ein Viertel, in der Menge um die Hälfte höher als die bereits sehr beträchtliche Vorjahreseinfuhr. Auf das gesamte Jahr gesehen, ist zu erwarten, daß das Einfuhrvolumen wesentlich mehr als 20 v. H. der inländischen Produktion erreicht.

Eine Sonderstellung nehmen dabei die Einfuhren aus Prato ein: Italiens Anteil an der Wollgewebeeinfuhr liegt bei 60 v. H. Da von den italienischen Einfuhren 90 v. H. aus Prato kommen, stellt dieser Ort mehr als die Hälfte der deutschen Wollgewebeeinfuhr. Praktisch handelt es sich bei den Prato-Einfuhren um Velours und veloursähnliche Stoffe, Flanelle und Loden, die ausschließlich aus Reißwolle mit minderwertiger Nylonbeimischung gefertigt wird. Ihren großen Marktanteil konnte sich die Prato-Ware nur auf Grund ihrer abnorm niedrigen Preisstellung erobern, nicht etwa, weil derartige einfache und billige Qualitäten in Deutschland nicht hergestellt werden würden. Vergleichsweise sei erwähnt, daß aus Prato eine 500 Gramm je qm schwere Ware für 8,80 DM je Kilo eingeführt wird, während die gleiche Ware aus der Schweiz für 27,10 DM und aus England für 29,50 DM je Kilo angeboten wird.

Die Schleuderpreise Pratos sind keineswegs die Auswirkung einer besonderen Produktionstechnik. Sie sind einzig und allein das Ergebnis eines in Prato üblichen Vergabesystems, das die dortigen Weber – zu Zweidritteln in Heimarbeit oder an gepachteten Webstühlen beschäftigt – ohne jegliche soziale Belastung einerseits und soziale Sicherheit andererseits zu jedem Preis zum Produzieren zwingt, um das Existenzminimum zu sichern. Hierbei ist noch zu berücksichtigen, daß der italienische Lebensstandard weit unter dem Westeuropas liegt. Tarifvereinbarungen und Arbeitszeitregelungen werden in Prato weitgehend umgangen, so daß die dort produzierten Gewebe, die früher vornehmlich Absatz im vorderen Orient, in China und in Afrika fanden, jetzt in allen europäischen Ländern weit unter den sonst üblichen Gestehungskosten angeboten werden, soweit sich die Länder nicht durch Schutzzölle oder Einfuhrkontingente gegen diese Stapelware schützen.

Der Bundesverband der deutschen Tuch- und Kleiderstoffindustrie wird am 12. November auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung in Aachen Schutz gegen derartige Prato-Einfuhren fordern, da ein Sozial-Dumping mit einem durchaus zu begrüßenden freien europäischen Wettbewerb unvereinbar ist. Die gesamte Preisrelation und das hohe Qualitätsniveau der Tuch- und Kleiderstoffindustrie stehen auf dem Spiel, zumal die Ertragslage wegen der ungünstigen Beschäftigung schon unbefriedigend ist. Prato mit seinen nachweisbar erheblichen Auswirkungen auf deutsche Konkurrenzfirmen ist zu einem wichtigen Modellfall für die deutsche Wirtschaft geworden. E. M.