Von Albert Hahn

Bei uns in Deutschland ist die Inflation kein Gegenstand einer ernsthaften Diskussion mehr. Aber unter der Decke planwirtschaftlicher Vollbeschäftigungstheorien, wie sie heute von sozialistischen Seite als Stein des Weisen propagiert werden, haben die Tricks mit der Notenpresse immer noch viele Anhänger –, zumal wir wieder einmal am Vorabend einer Aufrüstung stehen. Den nachstehenden Aufsatz entnehmen wir (mit geringfügigen Kürzungen) dem jetzt im Verlag Fritz Knapp, Frankfurt/Main, erschienenen Buch von Prof. Dr. Albert Hahn Wirtschaftswissenschaft des gesunden Menschenverstandes", in dem sich dieser Nationalökonom, der sich unter den Gegenspielern von Lord Keynes mehr und mehr nach vorn gespielt hat und der jetzt wieder in Frankfurt als Bankier tätig ist, mit den Illusionen der Politik des billigen Geldes in konstruktiver Form auseinandersetzt.

Es ist keine neue Entdeckung, daß die Inflation unter bestimmten Umständen und für bestimmte Zeitspannen die Wirtschaft in einer ans Wunderbare grenzenden Weise zu verbessern in der Lage ist. Aber seit den Tagen der Klassiker hat kein ernster Nationalökonom daran gezweifelt, daß diese günstigen Wirkungen vorübergehend sind: Sie halten nur so lange an, als die Bezahlung der Produktionsfaktoren nicht der verminderten Kaufkraft des Geldes angepaßt wird. Sie treten deshalb dann nie ein, wenn die Inflation gleich zu Anfang als solche erkannt wird. Eine im voraus geplante und von allen erwartete Inflation kann deshalb überhaupt keine günstigen Folgen haben. Sie kann, wenn auf die Dauer geduldet, nur zur vollkommenen Währungszerrüttung führen.

Die Klassiker waren rächt geneigt, die Beschäftigung schaffende und Aufschwung steigernde Kraft der Inflation zu betonen. Denn sie nahmen an, daß die "Geld-Illusion" nur kurz dauert. Im Gegensatz hierzu hat der verstorbene Lord Keynes in seiner "Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" eine Beschäftigungs- und Aufschwungstheorie entwickelt, die in der Hauptsache auf der Unterstellung beruht, die Menschen reagierten nicht oder nur mit erheblicher Verspätung auf Wandlungen in der Kaufkraft des Geldes. Ausdrücklich erklärt er: "Es ist nicht die Gewohnheit der Arbeiter, ihre Arbeit jedesmal zurückzuhalten, wenn die Preise der für die Löhne erhältlichen Güter steigen", so daß "es möglich sein wird, die Beschäftigung durch Vermehrung der Geldausgaben zu vermehren".

Diese Bemerkungen wirken mehr als ein Witz denn als eine Beschreibung der Wirklichkeit. In den Zeiten der "Escalator"-Klausel (der aus der deutschen Inflation wohlbekannten Gleitlohnvereinbarung) ist es nicht nötig, dies im einzelnen zu begründen. Obwohl vollkommen unrealistisch, ist Keynes’ Beschäftigungstheorie doch von der überwiegenden Mehrheit der jüngeren amerikanischen Nationalökonomen angenommen worden. Ältere Nationalökonomen werden eher geneigt sein, mit Prof. Frank Knight anzunehmen, daß sie die Wirtschaftswissenschaft in die Zeiten des schwarzen Mittelalters zurückgeworfen hat. Denn Keynes hat vernichtet, wofür die Klassiker gefochten hatten: die Erkenntnis, daß Geld Verfälschungen nicht zu einem neuen und höheren Beschäftigungs-"Gleichgewicht" führen können, sondern bestenfalls zu unbeständigen und vorübergehenden Zuständen. Beschäftigung kann nicht auf die Dauer durch Inflation geschaffen oder aufrechterhalten werden.

Was die Inflation, wenn sie nicht mit Bestimmtheit erwartet werden kann, immerhin bewirkt, ist dies: Die Unternehmer machen Zufallsgewinne beim Verkauf von Gütern, die in der Vergangenheit zu niedrigeren Kosten produziert wurden. Diejenigen unter ihnen, die wegen ihrer Untüchtigkeit oder ihrer Unfähigkeit, die zukünftige Nachfrage richtig zu beurteilen, unter normalen Umständen aus dem Wirtschaftsprozeß ausgeschieden worden wären, können darin verbleiben. Die Unternehmerschaft wird demoralisiert, ihre Produktionsmethoden werden unwirtschaftlich. Die Sparer aber, die ihr Geld direkt oder indirekt an Unternehmer ausgeliehen hatten, erleiden Verluste, da ihnen Zinsen und Kapital entwertet zurückgezahlt werden.