Ein Jahr im Leben einer kleinen Stadt“: so heißt der Untertitel des neuen Romans

„Muckensturm“ von Georg Munk, (643 S., Lambert Schneider, 16,80 DM).

Wer da eine Idylle vermutet, sei im voraus gewarnt: denn es handelt sich um einen politischen Roman, der das deutsche Geschehen von 1933 zum Thema hat. Doch nicht die „großen Männer“ oder gar der „Führer“ sind die Akteure, sondern die Einwohnerschaft „Muckensturms“ – ein Name, der ein idyllisches Städtchen an der Bergstraße kaschiert. Wie in einem Spiegel erscheint hier das Weltgeschehen, auf kleinsten Raum bezogen; was „oben“ beschlossen oder befohlen, wird unter den Marschtritten braununiformierter Stulpenstiefelträger in örtliche, oft brutale Wirklichkeit umgesetzt.

Wollen wir das heute noch wissen? Man könnte auf diese Frage verneinend antworten, wenn es sich um einen bloßen Dokumentar- oder Tatsachen roman handeln würde; aber hinter dem tatsächlichen Geschehen steht für den Dichter Georg Münk – er heißt in Wirklichkeit Paula Buber und ist die Frau des berühmten Religionsphilosophen Martin Buber – etwas wesentlich anderes: die Frage nach der moralischen Verantwortung des einzelnen.

Wo beginnt die „Schuld“? Nicht erst beim Mittun, sondern schon beim Dulden von Anmaßungen; denn der Weg von kleinen, ungerechten Übergriffen führt konsequent zu größerem Übel: zu Terror und in die Abgründe nihilistischer Entwertung alles dessen, worauf sich eine organisch gewachsene Lebensform gründet. Der Mensch, ursprünglich „Gottes Ebenbild“, erniedrigt sich zu gemeiner Triebhaftigkeit und geht an dem Verrat des Geistigen zugrunde. So hier ein Mann namens Thiemen, Beispiel eines ebenso unreifen wie gläubig-hörigen Charakters, der, hochgetragen von der „Bewegung“, je nachdem listig oder primitiv geltungsdürstig seine „Macht“ fühlen läßt, voller Rachsucht gegen Wehrlose und Andersdenkende – einer der vielen „kleinen Hitlers“, deren wir uns nur zu gut erinnern. Wie aber konnte solches geschehen, wie das friedliche Muckensturm so durcheinandergebracht und aufgerührt werden? Es war wie überall: auch die „Muckenstürmer“ waren „ehrliche Demokraten, aber keine Kämpfernaturen“; sie wiedersetzten sich licht, als es noch an der Zeit war.

Der Roman ist nicht überall frei von Ressentiments (das Buch ist 1938–1940 geschrieben, also unmittelbar, nachdem das Ehepaar Buber zum Verlassen der deutschen Heimat gezwungen worden war), aber das schmälert den Wert der Darstellung kaum; denn es klingt aus allen Seiten der echte Anruf des Gewissens und die ehrliche Aufforderung zur Besinnung auf das, was man gemeinhin „Zivilcourage“ nennt, auf daß nicht der „Rest Mut“ zu verantwortlichem Leben von neuem schwinde!

Christian Otto Frenzel