Espelkamp: Flüchtlingslager, Flüchtlingssiedlung, Flüchtlingsbetriebe und Flüchtlingsschulen im Bereich eines ehemaligen Munitionslagergeländes, dessen. Gebäude damals in letzter Minute vom groartigen Pastor Forell aus Schweden vor dem Gesprengtwerden bewahrt worden waren. Das war der Anfang.

Aber was ist heute von diesem Bilde noch vorhanden? Beim hohen, weißen Turm der Bushaltestelle an der Chaussee nach Bremen zweigt der Weg in die neue Waldstadt ab. Tief ausgefahrene Sandwege tauchen auf, nackte, braune Kiefernstämme mit winzigen, melancholisch schwankenden Wipfeln, dazwischen manchmal noch einige flachdächige Barackenbauten alten Stils. Alles andere ist n;u. Neu und schön. Es ist nicht nur klug, praktisch, schlicht und vielfältig, sondern auch harmonisch gebaut worden. Nirgendwo ist die Einheit mit der Natur verletzt. Immer wieder stehen zwischen den Bäumen helle Fabrikhallen.

Aber das Ziel unseres Besuches war die neue Aufbauschule. Auch hier zeigte sich, daß technisch kühn und praktisch ausgetüftelt gebaut wurde, harmonisch, wohlausgewogen. Wie anders als in den über- und doppelt belegten alten Schulkasernen! Farbe, Form und Raum fügen sich zu beglückender Einheit. Wie sicher ist allein schon die in den Schulen so heikle Frage der Bebilderung der Räume und Flure gelöst!

Wirtrafen dieOberprima in einer Deutschstunde. Wir wußten, daß alle Schüler der Oberstufe als der Sowjetzone kamen. Das Thema der Stunde: Büchner, Dantons Tod. Es stellt sich bald heraus, daß sich fast alle schon "drüben" mit dem Werk beschäftigt haben. So wird einer der Jungen gebeten, die Grundlinie der dortigen Interpretation kurz zu referieren. Mit einem Schlage ist die Schulstubenatmosphäre verflogen. Der Junge spricht frei, lebhaft, sicher. Er übersieht das Problem und ist sein Vermittler, aber nicht mehr. Die Quintessenz: Von der französischen Revolution führt ein gerader Weg über Büchner, die russische Oktoberrevolution hin zur "Deutschen Demokratischem Republik". Erst in der DDR hat sich erfüllt, was Büchner gemeint hat, was er "versöhnlerisch" weich aber nicht bis zur letzten, echt proletarischen Notwendigkeit durchdachte. Das Gesagte ist scheinbar zwingend und so bequem logisch! Welche Verlockung ist hier für den gleichgültigen Durchschnittsschülerkopf verborgen!

Dann der Gegenreferent. Der Junge spricht leise und tastend. Man sieht, daß er mit dem, was er da sagen muß, noch ringt. Alle Fragen sind noch offen. Man wird sich entscheiden müssen. Aber wie, aber wohin? Das ist die Situation dieses zweiten Sprechers. Er ist auch viel schneller fertig als sein so flüssig mitteilender Vorredner.

Im allgemeinen Schweigen, das diesen Ausführungen folgt, spiegelt sich deutlich die große und echte Ratlosigkeit vor dem Problem. Dann arbeitet der Direktor mit den Schülern Punkt für Punkt der Problemkreise des vielschichtigen und hintergründigen Werkes straff und betont zielstrebig heraus. Das Ergebnis dieses ersten Blickes auf die Dichtung: die totale Menschen-, Lebens-, Welt- und Gottverachtung Danton-Büchners. Der Akzent des Lehrenden ist unverhüllt und durchaus offen betont: Kritik von der christlichen WertWelt protestantischer Prägung her. Mit einigem Vergnügen verzeichnen wir Zuhörer im Klassenzimmer, daß es noch gar nicht sicher ist, wie sehr und ob die Jungen und Mädchen "ja" dazu sagen werden.

Nach dem Mittagessen sehen wir das Internat. Das ist ein wunderschönes Zuhause. Wer je das seine wirklich verloren hat, weiß das sofort. Und dann, gleich daneben, die neue Volksschule. Hohe Tannen mit Eichhörnchen direkt vor der Tür! Wenn’s nur nicht zu sehr zum Träumen verführt!