Ob Weisheit und Verstand die zuständigen staatlichen Stellen erleuchtet haben, ist von manchem in der letzten Zeit bezweifelt worden, der den Preisanstieg auf dem Buttermarkt verfolgte und jetzt wohl oder übel tiefer ins Portemonnaie zu greifen gezwungen ist, als wahrscheinlich notwendig gewesen wäre. Die überstürzte Preisentwicklung der letzten Wochen mit der sprunghaften Erhöhung der Hamburger und Kölner Börsennotierungen wird mit dazu beitragen, das Vertrauen des Verbrauchers in die Richtigkeit staatlicher Marktordnungspolitik erneut zu erschüttern. ...

Die Ernährungsverwaltung wird sicherlich – daran ist kaum zu zweifeln – viele Entschuldigungsgründe anführen können, wenn es darum geht, zu untersuchen, warum der Butterpreis nach einer langen Zeit der Stabilität in den Herbstmonaten wieder eine so unerfreuliche Entwicklung genommen hat. Die Bonner Stellen können aber nicht leugnen, daß ihnen die Bevorratung des Fettkontors bekannt war, die mit insgesamt 6500 t ausgereicht hätte, den Buttermarkt auf einem Abgabepreis für den Großhandel von 5,85 bis 5,90 DM je kg in der Zeit der saisonalen Unterversorgung bis Anfang Oktober zu stützen. Ob es richtig gewesen ist, einer Selbsthilfeorganisation der Landwirtschaft, dem Fettkontor, Zeiten? der Überschußproduktion im Frühjahr und Frühsommer den Vortritt bei der Buttereinlagerung zu überlassen, so daß die diesjährige Einlagerung der Staatlichen Einfuhr- und Vorratsstelle nur ganze 3500 t einschließlich der Berliner Reserve betrug, mag dahingestellt bleiben. Immerhin hat der Staat gewußt, daß er mit den von ihm eingelagerten Mengen nicht allzuviel erreichen kann, wenn wirklich Not am Mann ist.

Nun hätte es der obrigkeitlichen Weisheit ablegen, auf den Zeitpunkt, zu dem das Kontor keine Vorräte mehr besaß, rechtzeitig gewappnet zu sein, sei es, daß die Einfuhr- und Vorratsstelle mit ihren eingelagerten Partien zunächst eingesprungen wäre, sei es, daß rechtzeitige Anschlußausschreibungen vorgenommen wurden. Statt dessen ist kostbare Zeit verplempert worden. Am 14. Oktober erhielt zwar die Einfuhr- und Vorratsstelle den Auftrag, in kleinen Partien von 5 t auszulagern, eine Weisung, die knapp 24 Stunden später wieder zurückgepfiffen wurde. Erst am 19. Oktober erfolgte die erste größere Einfuhrausschreibung. Im Rahmen dieser Ausschreibung gingen Festofferten von über 6000 t Butter ein, die ausgereicht hätten, um die inzwischen von Preisspekulationen nicht freie Überhitzung des Marktes vorerst zu beenden. Zu den ebenso weisheitsvollen Ratschlüssen zählt, daß die staatliche Außenhandelsstelle von den angebotenen Partien knapp die Hälfte (nämlich nur rund 3000 t Butter), zum Kauf zuließ. Die Zuschläge für diese Ausschreibung erfolgten am 22. Oktober. Und da Beamte auch nur Menschen sind, die ihre Arbeit pünktlich beginnen und dafür auch pünktlich beenden, ist es bei zwei oder drei Butterausschreibungen, die im gesamten Jahr notwendig sind, um den über die Eigenproduktion hinausgehenden geringen Zuschußbedarf zu befriedigen, sicherlich verständlich, daß die Einfuhrpapiere erst drei Tage später; nämlich am 25. Oktober, den Importeuren zugestellt wurden. Sonst hätte die erste Importbutter schon drei Tage früher am Markt sein können, und wahrscheinlich wäre der gesamte Butterpreisspuk nicht entfernt so deutlich sichtbar geworden. Dafür wurde inzwischen erneut die Einfuhr- und Vorratsstelle angewiesen, ihre Restbestände fünf-tonnenweise auszulagern.

Und weil Butter inzwischen ein so schönes Spekulationsobjekt geworden ist, hat dann auch treu und brav bei solchen, so wenig risikobehafteten Mengen jeder Händler Butter gekauft, der überhaupt nur mit irgend etwas handelte. Ein rundes, glattes und lukratives Geschäft; denn die Einfuhr- und Vorratsstelle lagerte zu 5,85 DM je kg aus, Hamburg notierte inzwischen für übergebietliche Butterlieferungen 6,10 bis 6,20 DM. Und beinahe ebenso folgerichtig paßt es ins Bild, daß man (nachdem vorher über 3000 t Auslandsbutter zurückgewiesen wurden) acht Tage später erneut ausschreiben mußte, weil sich die Nachfrage trotz der leichtfertig heraufbeschworenen Preisanstiege Gott sei Dank hatte noch nicht abschrecken lassen. Kein Wunder, daß wir in dieser Klemme nunmehr für die neu gekauften, weiteren 7800 t Butter höhere Preise bezahlen mußten, als wir es noch vor einigen Wochen gebraucht hätten. Schließlich sind auch unsere ausländischen Lieferanten Kaufleute genug, um eine Konjunktur auszunutzen ...

Bis Weihnachten werden aus den letzten Ausschreibungen etwa "7000 t Importbutter auf den Markt gelangen. Die anderen Partien aus Neuseeland und Australien in Höhe von rund 3000 t werden erst nach Weihnachten und im Januar in der Bundesrepublik eintreffen. Nach menschlichem Ermessen sollte jedoch diese Menge zusammen mit der deutschen Eigenproduktion, die im Dezember wieder ansteigen dürfte, weil sie dann das Saisontief überwunden hat, ausreichen, um der Nachfrage gerecht zu werden. Das bedeutet, daß die Verbraucherpreise allmählich wieder von der kritischen Sieben-DM-Grenze weggedrückt werden können.

Übrig bleibt nur die Frage, ob der unsinnige Preisanstieg bei einer weniger selbstgefälligen, dafür aber tatkräftigeren Verwaltungnicht hätte vermieden werden können. Kein Zweifel: das Vertrauen des Verbrauchers ist erneut strapaziert worden, und gerade das hätte vermieden werden müssen. Jene Agrarpolitiker aber, die anläßlich der letzten, Parlamentsdebatte um die Einfuhr- und Vorratsstellen und das System staatlicher Marktordnungspolitik geglaubt haben, sich als ihre wortgewaltigen Verteidiger aufspielen zu müssen, sind in ihrer Annahme schlecht beraten gewesen, die Existenz solcher Stellen verbürge allein schon den reibungslosen Marktablauf. Das erneute Versagen amtlicher Buttermarktpolitik sollte zumindest Anlaß geben, den dafür verantwortlichen Stellen endlich einmal etwas energischer auf die Finger zu klopfen. Günther Grüneberg