In der vergangenen Börsenwoche wurde das gesamte Kursniveau des Aktienmarktes abermals um ein gutes Stück angehoben. Die Pause, die der Konsolidierung dienen sollte, war also nur kurz. Wann aber wird die jetzt – von kurzen Unterbrechungen abgesehen – seit einem Jahr anhaltende Aufwärtsbewegung bei den Aktien ihren Höhepurkt erreicht haben? Da die Renditeerwägungen gegenwärtig ihren mehr in den Hintergrund treten und der Substanzgedanke wieder eine größere Rolle zu spielen beginnt, läßt sich diese Frage rein rechnerisch nicht mehr beantworten. Die Rhein Ruhr Bank hat in einer zum Stichtag 5. November vorgenommenen Berechnung festgestellt, daß die Durchschnittsrendite von 236 Gesellschaften nur etwa bei 3,03 v. H. liegt, ein Satz, dir sich bei den festverzinslichen Papieren heute noch mühelos erreichen läßt. Die relativ hohe Bewertung der Aktien ist einmal – wie schon betont – auf das Substanzdenken zurückzuführen, das zu Beginn einer Wiederaufrüstung zumindest verständlich ist, zum anderen darf man nicht übersehen, daß in den vergangenen Jahren alle Renditeerwägungen durch die großen Gewinne überdeckt wurden, die sich durch die ständigen Kurssteigerungen bei den Aktien ergaben. Die ausgeschütteten Dividenden waren für den Aktionär doch meist nur ein erfreuliches Trinkgeld im Vergleich zu dem, was er an dem bloßen Sitzenbleiben auf seinen Aktien verdiente.

Was werden nun die Wochen bis zum Jahresschluß bringen? In normalen Zeiten stellen die Monate November und Dezember an die Liquidität hohe Anforderungen. In diesem Jahre spricht man von etwa 5 Mrd. DM, die zu Steuerzwecken, für Zinszahlungen, Zeichnungen für 7 c und 7 d und steuerbegünstigtes Sparen flüssig gemacht werden müssen. Wir können nicht glauben, daß die Herauslösung dieser Summe keine Spuren auf den Wertpapiermärkten hinterlassen wird. Nur sehr große Auslandsorders könnten eine Entlastung bringen.

Die neuerliche Aufwärtsbewegung nahm bei den Montanen ihren Ausgang. Angeregt durch die Schaffung eines gemeinsamen Großröhrenwerkes Mannesmann-Hoesch sowie durch den Abschluß Nordwestdeutsche Hütten gab es einen allgemeinen Kursanstieg, aus dem sich Papiere, wie Rheinstahl (plus 13), Klöckner-Humboldt-Deutz (plus 10), Hoesch (plus 7), Nordwesthütten (plus 14 1/2), Königsborn (plus 11) und Beteiligungs-AG Ruhrort (plus 23 1/2 auf 305 v. H.) heraushoben. Der Kurs von Ruhrort läßt sich nur durch Interessenkäufe erklären.

Größere Umsätze hatten die IG - Farben Nichfolger zu verzeichnen, die neue Höchstkurse aufwiesen. Lebhafte Umsätze fanden ferner in IG-Farben-Liquis statt, die sich zwischen 44 und 45 v. H. behaupteten. Obgleich eine Ausschüttung des in den IG-Farben-Liquis beinhalteten Anteiles an Chemische-Hüls-Aktien frühestens im nächsten Jahr erwartet werden kann, bilden sich an den Börsen schon jetzt Kurse für die Hüls-Aktien. Die Taxen liegen zwischen 280 bis 300 v. H. In der Bewertung stehen sie also ungefähr mit den Cassella-Aktien auf einer Stufe. Der hohe Kurs gründet sich auf die Vermutung, daß die IG-Farben-Nachfolgegesellschaften Interesse am Erwerb der Majorität oder zumindest des Schachtelprivilegs haben und hierfür auch etwas zahlen werden.

Überraschend war die Entwicklung bei den Reederei-Papieren. Nach der Vorlage des als positiv bewerteten Abschlusses von Hansa-Dampf setzten Kaufaufträge für Hapag und Nordd. Lloyd in recht ansehnlicher Höhe ein, denen kein nennenswertes Angebot gegenübergestellt werden konnte, da sich bei beiden Papieren der weitaus überwiegende Teil des Aktienbesitzes in festen Händen befindet. In Kreisen der Verwaltungen hält man die jetzt erreichten Kurse nicht für gerechtfertigt, weil die Käufer oftmals die beträchtlichen Kapitalentwertungskonten vergessen, die beide Reedereien noch in ihren Bilanzen stehen haben. Von einer Dividende kann vorläufig überhaupt nicht gesprochen werden. Die Kursbewegungen: Hapag 84 1/4–105–96, Nordd. Lloyd 63–74–68 1/2, Hansa-Dampf 59–64 v. H.

Zu erneuten Gewinnen kam es bei den Elektropapieren, wo sich eine Sonderbewegung bei den Aktien der Hamburgischen Electricitäts-Werke abzeichnete (138 1/2–143). Wie in Börsenkreisen zu hören war, wird die Gesellschaft für 1953/54 eine Dividende von 6 v. H. zahlen. Ob eine Kapitalerhöhung vorgenommen werden soll, ist noch ungewiß. Außer Frage steht, daß die Gesellschaft dringend Mittel für weitere Investitionen notwendig hat. Da aber die Hansestadt Hamburg Großaktionär bei der HEW ist, macht die Lösung der mit der Kapitalerhöhung verbundenen Fragen einige Schwierigkeiten,

In Banken wurde das Geschäft ruhiger. Die Nachfolgebanken gaben leicht nach, während sich die Restquoten erholen konnten. Reichsbank-Anteile waren kaum verändert, Dego buchten mit 65 einen erneuten Höchststand. – Renten blieben bei nachlassenden Umsätzen auf der bisherigen Basis behauptet. Für Reichsschatzanweisungen wurde ein Kurs genannt, der zwischen 4,10 und 4,25 liegt. –ndt