Noch immer sind deutsche Soldaten in russischer Kriegsgefangenschaft, zehn Jahre und mehr. Millionen von Männern auf beiden Seiten, von 1941 bis 1945, von Stalingrad bis nach Berlin, fuhren mit Panzern, Kanonen, Flammenwerfern, Gewehren, Pistolen, Bajonetten aufeinander los, kamen dabei um, verbluteten, verbrannten, siechten langsam dahin im Hunger und Frost, mordeten, folterten einander. Frauen wurden vergewaltigt, Familien für immer auseinandergerissen, ein einziger Rausch in Blut, Wahnwitz, Furcht, Entsetzen. Und da unternimmt es ein Schriftsteller, sich all das dennoch vorzustellen, und uns vorzustellen. Er tut es auf nahezu 2000 Druckzeilen, in zwölfjähriger Arbeit, tut es in drei Romanen:

"Moskau", "Stalingrad" und nun "Berlin" von Theodor Plievier. Roman. 606 Seiten, 16,80 DM. Verlag Kurt Desch, München.

So knapp wie die Titel, so breit, schwerflüssig und unübersehbar ist die Masse des Stoffes, das Gewicht der Geschichte in diesen Büchern. Vom ersten Blitzschlag des Einbruchs der deutschen Wehrmacht in die tiefen Räume Sowjetrußlands über das Ineinanderverbeißen der Armeen, die Kesselschlachten, den großen Rückzug, bis zur Apokalypse der Eroberung von Berlin durch die Truppen Marschall Schukows versucht der Chronist, das Unbeschreibliche zu beschreiben.

"Ein schreckliches Geschrei, Schüsse, Staub ... Ein Reiter mit einem Rindshautmantel, weiße, bleckende Zähne ... Zwanzig, vierzig, ein halbes hundert wilder, verwitterter Gesichter strudelten in den Vorraum, alle waren voll Wodka... Ein nicht abreißender Entsetzensschrei zog mit ihnen die Gänge entlang. Die Frauen im Vorraum und in der vordersten Reihe der Einzelkabinen hatten den ersten Ansturm auszuhalten..., vermochten nicht mehr, sich vom Boden zu erheben, ließ der eine von ihnen ab, wälzte sich schon ein anderer über sie und hielt dabei die entsicherte Pistole in der Hand. ‚Frau, komm!’" Das ist die Einnahme eines Bunkers in Berlin-Weißensee. Arbeiterbevölkerung, einer der Männer will die Sowjets zur Vernunft bringen, schreit: "Ich. Kommunist!" Ein Höllengelächter: "Du Kommunist! Du Idiot! Guckt ihn an, er ist Kommunist und hat es nicht nötig gehabt. Keiner hat ihn dazu gezwungen, guckt ihn an, den Dummkopf!" Der alte deutsche Arbeiter und Kommunist wird niedergeschlagen, von der Arbeiter- und Soldatenmacht aus dem Vaterland aller Werktätigen, wird mit besonderer Wut mißhandelt, gerade, weil er Kommunist ist.

Theodor Plievier emigrierte zweimal; zuerst vor Hitler nach Sowjetrußland, dann vor Stalin aus Sowjetdeutschland. "Stalingrad", chronologisch das Mittelstück der Trilogie, entstand im Gespräch mit Überlebenden der Sechsten Armee in Rußland und wurde zuerst 1945 in der sowjetamtlichen "Täglichen Rundschau" abgedruckt, später im Aufbau-Verlag. "Moskau", der Roman vom deutschen Vormarsch, entstand am Bodensee; es ist das beste der drei Bücher und erschien 1952, schon bei Desch. "Berlin" wurde in Süddeutschland, der Schweiz und in Berlin selbst geschrieben. Es zeigt ein Nachlassen der erzählerischen Spannkraft und ist doch das bisher einzige schriftliche Zeugnis vom Untergang der deutschen Hauptstadt, dem Wahrhaftigkeit und eine finstere Größe nicht abzusprechen sind. Auch "Berlin" schließlich kommt aus dem Wurzelgrund der eigenartig trotzigen Humanität Plieviers, aus dem ehrlichen Herzen eines Mannes, der verzweifelt viel Verzweifeltes sah, ohne zu verzweifeln.

"Moskau", "Stalingrad", "Berlin" – es sind Bücher, die am Leser zehren, die ihn herausfordern, quälen. Sie zehrten ganz offenbar auch an ihrem Dichter. Wenn es irgendwo heute engagierte Literatur gibt, hier ist sie. Erstaunlich, dieser Sog, den das Wallen und Brodeln, das Rasseln und Knirschen der teuflisch gigantischen Vernichtungsmaschinerie eines halb modernen, halb wieder ganz barbarisch-atavistischen Krieges auf den Leser ausübt. Immer wieder ist da eine Hemmung, das fürchterliche Geschehen weiter zu verfolgen, das Buch wieder aufzuschlagen; und immer wieder kommt man nicht davon los, liest sich heiß darin und gerät in peinigende Erinnerungen. Worin gründet der Anfang des Verhängnisses, das in der grausigen Unterweltszene eines Berliner U-Bahnschachtes sein Ende findet? Wo beginnen und enden da Schuld und Sühne?

Der Chronist sagt es nicht. Er errichtet nur sein Menetekel. Er zeigt das Düstere düster; den Menschen in seinen Möglichkeiten zu allen Bosheiten und zu aller Güte. Nur selten hat die Liebe Raum in diesen Zonen des organisierten Hasses; um so tiefer, bedeutungsvoller wirkt auch die kleinste Geste. Am Ende des Moskau-Buches wird ein deutscher Soldat von einem russischen Mädchen gerettet: "Noch war die Erde verdunkelt vom Rauch der Geschütze. Aber er hatte das Licht gesehen ... Das Licht hatte er gesehen, als die Erde am dunkelsten war."