Von Armin Dross

Armin Dross wurde in Westpreußen geboren, studierte Geschichte und alte Sprachen und war lange Zeit als Redakteur des Posener Tageblattes beschäftigt. Seit 1948 ist er als Dolmetscher für slawische Sprachen tätig.

Als der Junge das Haus betrat, überkam ihn ein Frösteln, das nicht allein von den kühlen Fliesen des dämmerigen Flurs herrührte. Es war etwas in der vertrauten Luft des Elternhauses, das ihn betroffen machte und die Beschwingtheit sommerlicher Ferienfreiheit hemmte.

Bei Tisch blieb ein Platz leer – die um wenige Jahre ältere Schwester saß hier für gewöhnlich an der Seite der Mutter, die sich zu einem schmerzlichen Lächeln zwang, als der Junge sie aus sonnenheißem Gesicht fragend ansah. "Sie ist sehr krank, du darfst heute nicht laut sein im Hause und im Garten!" sagte sie, und die Suppenkelle zitterte leicht in ihrer Hand, als sie ihm den Teller füllte.

Am Nachmittag wollte er zum See, aber der Weg dorthin war schattenlos und staubig, auch scheute er sich, die Mutter zu fragen. Er mochte jetzt nicht in ihre Augen sehen – sie erschienen ihm von einem Unerklärlichen verdunkelt. Er ging in den Garten hinab. Das Sommerkraut der Spargelpflanzung wehte im Mittagshauch wie Seetang in der lautlosen Tiefe des Sees. Das dunkle Summen an den Bienenstöcken stimmte ihn nicht zufrieden wie sonst, der Wipfelsitz in der breitästigen Linde blieb heute leer. Hinter dem Wall der Stachelbeersträucher legte er sich ins Gras und überlegte: Kranksein – das war Fieber haben und Kopfschmerz, manchmal auch Husten und Halsweh. Krank wurde man im Herbst, wenn man mit nassen Füßen durch die nebligen Wiesen lief, oder im Winter, wenn es zu tauen begann und das Schneewasser jedes Schuhwerk aufweichte. Kranksein war schlimm, weil man im Bett liegen und schwitzen mußte, aber es war auch wieder nicht so schlimm, weil dann die Mutter endlich einmal viel Zeit hatte, das Glas mit kühlem Fruchtsaft an die Lippen führte und vorlas. Und wenn man wieder gesund war und aufstehen durfte, brauchte man noch nicht gleich zur Schule zu gehen, weil man sich erholen mußte, wie die Mutter sagte. – Aber dies war wohl ein anderes Kranksein mitten im heißen Sommer! Zuerst war es nur eine Augenentzündung, und er beneidete fast die größere Schwester um die dunkle Binde, die sie vor dem kranken Auge tragen mußte und die ihm äußerst abenteuerlich erschien. Aber dann wurde es schlimmer, und sie mußte zu Bett – und nun hieß es, nachdem gestern der Arzt dagewesen war, es sei eine Gesichtsrose und eine Lungenentzündung obendrein. Eine Pflegerin war gekommen und saß Stunde um Stunde am Bett der Kranken, und wenn sie die Treppe herabkam mit ihrem weiten Gewand und der steifen weißen Haube, dann wich er ihr scheu aus. Reichte das Können der Mutter nicht aus, die Schwester wieder gesund zu machen? Es mußte schlimm sein, sehr schlimm!

Er griff in den Strauch und pflückte eine der prallen, rotgeäderten Beeren; doch während er sie aufbiß, den süßen Inhalt einsog und die säuerlich schmeckende Schale zerkaute, überkam ihn plötzlich das Gefühl, ein Unrecht zu tun. Er spuckte den Rest ins Gras. Keine einzige Beere mehr wollte er essen, bis die Schwester wieder mit ihm unterm Strauch sitzen könnte. Sagen würde er ihr es nicht – sie sollte auf eine andere Weise merken, daß er sie lieber habe, als sie es wußte; denn er war eben zehn Jahre alt und nicht gerade zärtlich zu dem stillen Mädchen, das ihm mit ihren dreizehn Jahren weit voraus war. Das sollte sich ändern, er wußte zwar noch nicht wie, aber bestimmt wollte er ihre Schulhefte nicht mehr mit dem Pfropfen des Tintenfasses abstempeln und was es derlei mehr gab. Bestimmt nicht!

Von der Veranda aus rief ihn die Mutter, und als er vor ihr stand, ein wenig befangen von dem eben gefaßten Vorsatz, war es ihm wie eine Bestätigung seines Entschlusses, daß er nun hinaufgehen sollte in das Krankenzimmer, eine Schale Obst ans Bett der Schwester zu bringen. Ob sie es wohl merken wird, wenn sie mich sieht, daß es jetzt anders sein wird zwischen uns? – dachte er, als er die Treppe hinaufstieg und die Glasschale vorsichtig vor sich hertrug.