Berlin, im November

Im Hotel Kempinski am Kurfürstendamm, sonst als Hochburg des Kapitalismus geschmäht, fand dieser Tage eine Pressekonferenz mit kommunistischen Intellektuellen aus Ostberlin statt. Die Einladung war von einem Nervenarzt aus Nürnberg unterzeichnet, der namens der "Deutschen Begegnung" ins Kempinski bat. Diese Begegnung hatte drei Tage lang in Ostberlin stattgefunden, ein Treffen von rund fünfhundert Professoren, Künstlern und sonstigen "Intellektuellen", von denen zweihundert aus der Bundesrepublik und Westberlin gekommen waren. Die Westdeutschen, so hieß es, seien die Initiatoren dieser "Deutschen Begegnung" gewesen, aber ihre "Initiative" wurde von den Kulturfunktionären der SED ebenso geschickt gesteuert wie die abschließende Pressekonferenz in Westberlin, zu der an Ostberliner Prominenz der SED-Professor Alfred Meusel und der Schriftsteller und Redakteur Peter Huchel erschienen waren.

Die Frage, wie sich die westdeutschen Gäste – die sich als "Idealisten" bezeichneten – denn zu der Reglementierung aller künstlerischen Äußerungen durch die kommunistische Zensur verhielten, erregte bei dem befragten Nürnberger einige Verwirrung, so daß Professor Meusel einspringen mußte mit der Behauptung, daß es eine solche Zensur nicht gäbe. Und falls sie tatsächlich bestünde, so hätte sie im Zusammenhang mit der "Deutschen Begegnung" überhaupt keine Bedeutung. Noch mehr Unruhe stiftete die Frage, ob sich die westdeutschen Teilnehmer denn mit dem nationalsozialistischen Wahlverfahren der Sowjetzone vom 17. Oktober identifizierten. Hierauf wurde geantwortet, daß das die westdeutschen Teilnehmer natürlich nicht täten und daß auch ein großer Teil der östlichen Kollegen, wie aus Gesprächen hervorgegangen sei, diese Wahlen nicht billigten. Hier blieb Herrn Meusel nur noch die lapidare Erklärung übrig, daß man "keine nationalsozialistischen Wahlen durchgeführt" habe.

Von der eigentlichen "Begegnung" in Ostberlin war die Westpresse ausgeschlossen gewesen. Die drei Referate der Professoren Salier-München, Bloch-Leipzig und des Schriftstellers Weismantel-München waren samt den folgenden Diskussionen unter Ausschluß der Öffentlichkeit abgerollt, und dem Abschlußkommunique ist nur zu entnehmen, daß man sich für Frieden und Wiedervereinigung aussprach. Bei aller Betonung der kulturellen Verbundenheit passierte es dem Leipziger Professor Ernst Bloch immerhin, daß er in seinem Referat die "DDR als die am weitesten vorgeschobene Bastion gegenüber dem Westen" bezeichnete.

Auch wer der Ansicht ist, man dürfe keine Gelegenheit zur Verbindung mit den mitteldeutschen Landsleuten außer acht lassen, wird diese Art der Einheitsdemonstration für verfehlt halten. Die "Deutsche Begegnung" ist nur ein Glied in der Kette intellektueller Ost-West-Verbindungen, die kommunistisch inspiriert sind. "Begegnungen" dieser Art haben schon mehrfach stattgefunden, in München und Bayreuth, als Rendezvous der Filmleute, der Musiker oder der Literaten auf der Wartburg, und die Namen der westdeutschen Teilnehmer sind fast immer die gleichen. Der Anthropologe Saliner aus München, der Schriftsteller Leo Weismantel und die Bonner Professorin Klara Maria Faßbinder stehen gewöhnlich auf der Begegnungsliste obenan. Diesmal hatte man als prominenten Namen noch Werner Warsinsky, den Autor der preisgekrönten "Kimmerischen Fahrt", dazugewonnen. Mit ihm und dem Parteilyriker Kuba inszenierte der Ostberliner Autorenverband nach Abschluß der "Begegnung" noch eine besondere "Gesamtberliner Veranstaltung" in einem Westberliner Lokal nahe dem Bahnhof Zoo, wo Kuba und Warsinsky in der makabren Hinterstube eines Bierlokals aus ihren Werken lasen. Etwa vierzig Damen und Herren aus Ostberlin hörten zu, gingen dann hinüber zum Bahnhof Zoo und fuhren mit der Stadtbahn die vier Stationen in den Ostsektor zurück. Sabina Lietzmann