Die Araber haben ihre Geschichten aus 1001 Nacht, aber die Chinesen haben 1001 Erzähler. Sie sind ein Volk von Scheherazaden – was nicht heißen soll, daß Lin Yutang, wäre er von der gnädigen Laune einer Sultanin und seiner Kunst zu erzählen abhängig, nicht längst sein verschmitztes Haupt verloren hätte. Zwar langweilt er nicht, doch schlimmer: er verärgert. Während die Leser ihm immer noch sein Schatzkästlein des chinesischen Hausfreundes zugute halten ("Mein Land und mein Volk", "Die Weisheit des lächelnden Lebens"), spielt Lin Yutang neuerdings mit seinen Lesern Verstecken. Sein letztes Buch:

Die Botschaft des Fremden, Chinesische Geschichten. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart. 340 Seiten, Leinen 11,80 DM.

ist ein Eiapopeia für den Westen, ein Eiapopeia auch für den Osten. Das Nachwort schließt: "Eine Entschuldigung für die Tatsache, daß ich bei der Wiedergabe dieser Erzählungen meine Pflichten nicht auf die eines Übersetzers beschränkt habe, halte ich nicht für nötig", und also schließt das Nachwort mit einer Unhöflichkeit, wie es mit einer Unwahrheit beginnt: "Die short stories in diesem Band gehören zu den berühmtesten Geschichten, die in China erzählt worden sind."

Denn Lin Yutang nimmt die großen Erzähler Chinas her und plündert sie aus (der Verlag: "... er greift tief in die Schatzkammer seines Volkes"); was nicht dasteht, ergänzt er nach Belieben, was aber dasteht, ändert er nach Behagen. Hätte Lin sich an Volksmärchen versucht, nun ja, das Volk gilt nicht jedem als Dichter ..., doch er will gleich das Beste noch bessern: Autoren der T’ang-Zeit, der Sung-Zeit, den über alle Maßen kunstvollen P’u Sung-ling. Die schönste Liebesgeschichte der chinesischen Literatur schrieb Yuan Chen, ein Freund des Lyrikers Po Chü-i; sogar seinen Fähigkeiten und Absichten mißtraut der moderne Nacherzähler: "Um Lücken im Original zu füllen, habe ich auf Yuan Chens eigene Geschichte zurück-

Die Chinesen haben 1001 Erzähler, aber die Japaner haben ihre zwei Hofdamen: des bezaubernden, in aller Welt geliebten "Kopfkissenbuches" Verfasserin Sei Shonagon und Murasaki; die Dichterin der Geschichte vom Prinzen Genji. Von ihr weiß dortzulande jeder, was wir vom Homer zu wissen pflegen, daß sie das Epos geschrieben hat – die Geschichte vom Prinzen Genji. Die Damen mochten sich um so weniger leiden, je besseres Japanisch die andere schrieb; beider Stil aber war klassisch für die klassische Heian-Zeit (von Karl dem Großen bis Barbarossa).

"Wie verhaßt sind mir doch jene Männer, die die Damen bei Hofe als leichtfertige und verdorbene Wesen hinstellen! Gewiß, ein Körnchen Wahrheit mag in ihrer Kritik enthalten sein...", notierte Sei Shonagon ums Jahr 1000 in ihr Kopfkissenbuch. Über der Lektüre vom "Prinz Genji" mag ihr bald das Körnchen Wahrheit groß und der Haß auf jene Männer riesig geworden sein. "Denn" – zitieren wir einen deutschen Japanologen, der Sei Shonagon aus dem mißmutigen Herzen spricht – "Prinz Genji geht keinem Verhältnis aus dem Wege, es sei denn einem mit Blutsverwandten oder Nonnen. Auf ihn richtet sich die erste Liebe des jungen Mädchens wie die Liebe der Witwe, die ehebrecherische Liebe, die Liebe der älteren Frau, die eheliche Liebe, die Liebe der Schwägerin, der Mätresse des kaiserlichen Vaters. Um seiner Liebe willen schlagen Frauen elterliche Mahnungen in den Wind oder vernachlässigen ihre Kinder."

Apropos Mißmut und deutsche Japanologie: Murasakis Epos der Liebe hat bei uns noch keinen Übersetzer gefunden. Nun kann er sich ruhig Zeit lassen, denn eben erschien die Übersetzung Arthur Waleys (der ein Meister des Chinesischen, Japanischen und Englischen ist) gut deutsch von Herberth E. Herlitschka: