Im Württembergischen Kunstverein zu Stuttgart ist seit kurzem eine Ausstellung zu sehen, die einen Teil der vom Stuttgarter Kunstkabinett Ketterer vom 14, bis 26. November zu versteigernden Kunstwerke enthält, darunter Werke von „Weltklasse“. Allein die Sammlung Nell Walden kann hinreichen, entweder den Grundstock einer einzigartigen modernen Sammlung zu bilden oder eine schon bestehende aufs wertvollste zu bereichern. Deshalb sollte man wünschen, daß sie in Deutschland bliebe und geschlossen in öffentlichen Besitz gelangte, allenfalls in die Hand eines Sammlers, der sie der Öffentlichkeit zugänglich erhielte. Ein Stifter mache sich verdient!

Noch immer „modern“? Diese Frage verdient ein kräftiges Jawort mit der Einschränkung „aber klassisch“. Schon Hugo Ball begeisterte sich für Boccionis „Macht der Straße“, für Carrà und Severini. Herwarth Walden stellte in Berlin in seiner Galerie „Der Sturm“ die italienischen Futuristen 1912 aus. Hier sieht man sie, die meisten begreifen sie heute leicht, schon als „gute alte Zeit“. Der Katalog bringt Erklärungen aus der damaligen Zeit, die dem Betrachter die Absicht des Malers zu verdeutlichen suchen, besonders die Art der Umsetzung des Gegenständlichen ins Abstrakte. Heute – das ist ein Unterschied – würden wir auf sie verzichten können und uns mit den Werten von Form und Farbe begnügen. Auch bei der „Macht der Straße“ ist das der Fall. Sogar der Laie muß jetzt die Einheit der Situation in der ersten Jahrhunderthälfte begreifen. Nur ist sie anfangs etwas komplizierter und erscheint wie durch Provokation geschaffen. Die frühen Expressionisten sind uns näher als die gewaltsamen Futuristen. Vergleichsmöglichkeiten: Die Bildnisse Herwarth Waldens und Rudolf Blümmer, von dem 1910 erst vierundzwanzigjährigen Kokoschka, oder Franz Marcs ungefähr gleichzeitige Gemälde, die zu den kostbaren Stücken der Walden-Sammlung gehören. Dann wieder muß man, um die Gleichzeitigkeit einer vor, 1914 aufstehenden neuen Kunstbewegung in allen Ländern zu erkennen, den Blick Waldens für Chagall bewundern. Es sind in Tempera, Aquarell und an Zeichnungen fünfzehn mit Recht hochtaxierte frühe Werke dieses Meisters vorhanden.

Greizes, Kandinsky, Klee, Leger, Schrimpf, Schwitters, Campendonck, Macke sind Bestandteile der Sammlung Walden, doch wird die Auktion von einigen dieser Künstler auch andere Werke zur Versteigerung bringen, dazu eine umfangreiche Kollektion von Werken Kirchners, meist Radierungen, Holzschnitte und Lithographien, aus seinem Nachlaß. Von deutschen Expressionisten fehlt außerdem kaum ein bekannter Name: da sind Barlach, Beckmann, Dix, Feininger, Großmann, George Gross, Kollwitz, Lehmbruck, Modersohn-Becker, Muche, Nolde, Pechstein, Rohlfs, um nur einige aufzuzählen. Doch erschöpft sich die Ausstellung nicht mit den Künstlern des zwanzigsten Jahrhunderts. Der Kunstfreund fühlt sich besonders angezogen durch einen frühen Leibl, das um 1865 entstandene Bildnis des Apothekers von Sicherer, für einen Zwanzigjährigen eine erstaunlich reife Leistung. Es wird mit 30 000,– DM angeboten, was nicht zuviel ist, wenn man einige andere Preise daneben hält: Kokoschkas Walden-Bildnis 35 000,– DM, ein Renoir 25 000,– DM, ein Stilleben von Bracque 25 000,– DM, Boccionis „Macht der Straße“ und „Zwei Schafe“ von Franz Marc 16 000,– und 18 000,– DM, eine Zeichnung von Picasso 3000,– DM, ein Corot 12000,– DM.

Wenn diese Preise Richtpreise sind, dann versteht man, daß der Versteigerer der Kauflust des Publikums in Anbetracht des besonders attraktiven Angebots einiges zutraut. Es dürfte aber doch Überraschungen geben, weil kaum daran zu zweifeln ist, daß sich ein sehr starkes Interesse der Sammlung Walden zuwenden wird. Sie ist in der Ausstellung am besten gehängt und beeinflußt infolgedessen das Urteil oder auch Vorurteil der vielen Besucher. Aber es wäre auch, nichts bedauerlicher, als wenn sie in alle Winde zerstreut würde. Selbst in der Annahme, daß ein paar ihrer Stücke nur für die Entwicklungsgeschichte der heutigen Malerei von Bedeutung wären, müßte ihr Obergang in öffentlichen Besitz, vielleicht mit einigen Ergänzungen aus dem übrigen Angebot, das am meisten wünschenswerte Ergebnis der kommenden Versteigerung sein. Oskar Jancke

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In der gleichen Auktion kommt auch die Skarabäen-Sammlung des berühmten Ägyptologen Freiherrn von Bissing zur Versteigerung. Mit über 900 Stück dürfte sie die umfangreichste und auch wissenschaftlich bedeutendste Sammlung ägyptischer Käfersteine sein, die je von einem Privatmann zusammengebracht worden ist. Sehr bemerkenswert sind auch die Siegelzylinder aus der Frühzeit, dem alten, dem mittleren Reich und der Hyksoszeit. Besonders reich ist der Bestand von Skarabäen mit Ornamenten und figürlichen Darstellungen. Da Altertümer aus ägyptischem Boden nicht mehr ausgeführt werden dürfen, sind echte Skarabäen auf dem Markt längst zu Seltenheiten geworden. Um so zahlreicher sind die Fälschungen. In der wissenschaftlich genau bestimmten Echtheit der Stücke liegt ein nicht zu unterschätzender Wert der zum Verkauf gelangenden Sammlung. M. R.