Von Botschafter Dr. Vollrath Freiherr von Maltzan

Mehr als es auf politischen Konferenzen üblich ist, ist auf der Pariser Konferenz vom 19. bis 23. Oktober über Wirtschaft gesprochen worden. Hand in Hand mit dem Bemühen um die Lösung der das deutsch-französische Verhältnis beherrschenden politischen Probleme geht das Bestreben, das weite Feld der deutsch-französischen Wirtschaftsbeziehungen mit neuer Initiative zu erfüllen. So nehmen die Wirtschaftsfragen den Hauptanteil eines deutsch-französischen Kommuniqués ein, das ergänzend neben die in Paris unterzeichneten großen politischen Abkommen und den Saarvertrag tritt.

Die Wechselwirkung von Politik und Wirtschaft ist bei einem Land wie Frankreich besonders sinnfällig. Von politischen und psychologischen Dingen stark bestimmt, konnten in unseren Beziehungen zu Frankreich die aus dem rein Wirtschaftlichen sich ergebenden Möglichkeiten stets nur in Abhängigkeit von jenen Faktoren realisiert werden; andererseits haben gerade die Wirtschaftsbeziehungen wesentlich dazu beigetragen, die beiden Länder zueinander zu führen.

So ist es erfreulich, festzustellen und verdient immer wieder unterstrichen zu werden, daß die deutsch-französischen Wirtschaftsbeziehungen schon heute einen Rekordstand erreicht haben, der in einem Jahresumsatz von über 3 Mrd. DM und klarer noch in der Rolle zum Ausdruck kommt, die jedes der beiden Länder im Außenhandel des anderen spielt. Die Bundesrepublik ist im vorigen Jahr – erstmalig in der Geschichte des französischen Außenhandels – der wichtigste Außenhandelspartner Frankreichs geworden. Sie ist ihr Kunde Nummer eins und verspricht, auch ihr Lieferant Nummer eins zu werden. Umgekehrt ist auch für die Bundesrepublik die Französische Union – wenn nicht der wichtigste – so neben USA und Holland einer der drei wichtigsten Außenhandelspartner, die dicht beieinanderliegend und in der Reihenfolge wiederholt wechselnd in der Spitzengruppe der deutschen Außenhandelspartner mit einem wesentlichen Abstand vor allen übrigen Ländern erscheinen. Diese Entwicklung ist um so bemerkenswerter, als sie sich in einer Zeit einschneidender französischer Einfuhrrestriktionen vollzogen hat.

Es bleibt aber noch manches zu tun. Die französischen Restriktionen haben in der Zusammensetzung der deutschen Ausfuhr bedauerliche Verschiebungen zu Lasten bisheriger traditioneller Gebiete – namentlich auf dem Gebiet der Konsumgüter – herbeigeführt. Die französische Regierung hat sich bisher außerstande gesehen, den die Grundlage des Warenverkehrs bildenden Handelsabkommen eine längere Dauer als von drei bis sechs Monaten zu geben. Die sich auf den beiden Märkten gegenseitig ergebenden Absatzmöglichkeiten sind offensichtlich noch nicht ausgeschöpft. Aus diesen Erkenntnissen ist der Gedanke des Abschlusses eines großzügigen und langfristigen Handelsabkommens entstanden. Es wird der Industrie, besonders der deutschen, wieder die Möglichkeit langfristigen Disponierens geben und der französischen Landwirtschaft die Chance bieten, für einen Teil der französischen Ernteüberschüsse an Grundnahrungsmitteln einen im voraus gesicherten Absatz zu finden und damit die landwirtschaftliche Planung zu erleichtern. Ein solches Abkommen muß sich allerdings auf einer normalisierten französischen Außenhandelssituation aufbauen, wobei an die Wiederherstellung einer 75 %igen Liberalisierung und einer normalen Kontingentsbasis gedacht ist. Dieser Zustand wird, soweit heute voraussehbar, für den April 1955 zu erwarten sein.

Ist damit das handelspolitische Ziel der Regierungen gesteckt, so ist den Industrien die Aufgabe einer Intensivierung ihrer Zusammenarbeit gestellt. Die Spitzenverbände der beiden Wirtschaften und Fachverbände einzelner Gebiete stehen schon heute in einem teilweise engen Kontakt und haben in vergangenen Jahren im stillen eine überaus nützliche Arbeit geleistet, indem sie durch Überwindung einer Fülle von Vorurteilen, des Mißverstehens und Mißtrauens allmählich zu einer echten Zusammenarbeit gelangt sind. Diese muß aber noch ausgedehnt und verstärkt werden.

Ihr Ziel soll nicht etwa in einer fortschreitenden Kartellisierung beider Industrien in ihrem Verhältnis zueinander oder im Verhältnis zu dritten Ländern stehen. Auch wird eine Arbeitsteilung nicht durch planwirtschaftliche, ordnungspolitische Maßnahmen geschaffen werden können. Die Zusammenarbeit muß in Erkenntnis der auf beiden Seiten bestehenden Gegebenheiten, der Vorteile und Nachteile der beiderseitigen Situationen zu einer freiwilligen Aufgabenverteilung führen, die eine zunehmende gegenseitige Verzahnung der beiden Wirtschaften bewirken soll.