h. k., Bayreuth

In den oberfränkischen Granitschleifereien herrscht Empörung. Der Vorsitzende des Verbandes der Granitindustrie e. V. Bayreuth, Dr. Künzel, schlägt mit der Faust auf den Tisch und grollt: "Im Granitkrieg wird jetzt scharf geschossen."

Die Vorgeplänkel begannen vor fast vier Jahrzehnten. Einige Städte Deutschlands kamen damals auf den Gedanken, daß sie berufen seien, auch im Reich der Toten Ordnung zu schaffen. So erließen sie Friedhofsordnungen, in denen bestimmt wurde, daß "polierte und geschliffene Grabsteine unerwünscht seien, weil sie aufdringlich glänzen und das einheitliche Bild der Gottesäcker stören. Viele Denkmalsstifter waren anderer Ansicht. So schrieb der Kunsthistoriker Sedlmayr: "Alle Kultur beruht im buchstäblichen Sinne auf dem Kult der Toten; ohne Achtung der Toten keine Achtung des Menschen." Diesen Satz legten die Erzeuger der granitenen Grabsteine dahin aus, daß das Grabmal Spiegelbild einer urpersönlichen, geistigen und geistlichen Haltung sein müsse und von niemandem zwangsgeregelt werden dürfe.

Der Oberkirchenrat vom evangelischen Landeskirchenamt in Niedersachsen, Dr. Karl Lampe, las aus diesemSatzSedlmayrs aber etwas anderes heraus. Er verkündete: "Auf unseren Friedhöfen hat künftig jeder serienmäßig hergestellte Grabstein nichts mehr zu suchen, vor allem kein geschliffener, auf Hochglanz polierter Granit oder Marmor." Und er setzte hinzu: "Das ist alles Kitsch." Mit diesem Satz eröffnete er den Krieg. Seine Ansicht schlug sich bald in den Friedhofsordnungen der niedersächsischen Kirchenfriedhöfe nieder. Seitdem kann auch kein Grabmal mehr ohne die vorherige schriftliche Zustimmung des Kirchen Vorstandes errichtet werden. Die Auftraggeber müssen dem Landeskirchenamt in Hannover aber auch vorher einen Entwurf im Maßstab von 1:10 einreichen und Angaben über Form und Material machen.

Diesem ersten Streich gegen die Granitschleifer des Fichtelgebirges, die den aus Schweden importierten Granit zurechtsägen, schleifen und polieren, folgten bald andere. Die Friedhofsverwaltung von Frankfurt machte sich die in Niedersachsen erdachte Regelung zueigen. Seit Juni dieses Jahres dürfen in Frankfurt nur noch fünf geformte Typen von Grabsteinen aufgestellt werden. In einer Verfügung vom 1. Juni 1954 heißt es: "Verboten sind: auf Hochglanz polierte, schwarze schwedische Granite, das Ausmalen gemeißelter Grabinschriften mit Gold- oder Ölfarbe, Beton- oder Zementumrandungen der Grabstätten, das Aufstellen von Findlingen mit eingelegten Inschriftplatten aus anderem Material..."

Der Frankfurter Ordnungseifer erfaßte bald auch andere Städte im Rheinland und in Westfalen, in Kassel aber beseitigte man sogar Grabstitten, die "nicht mehr in die Planung paßten".

Stuttgart schloß sich an. Der Oberbaunt Schimmel vom Stuttgarter Hochbauamt begann seinen Feldzug der "Entkitschung" mit folgendem Tagesbefehl: "Benachbarte und zueinander in Beziehung tretende Gräber sind nach Größe, Form, Farbe und Werkstoff aufeinander abzustimmen." In der Verbotsliste, die das Stuttgarter Bauamt erließ, sind ausdrücklich verzeichnet: Marmor und alle verarbeiteten Granite. Um die eigenen württembergischen Werke nicht zu schädigen, gab der Stuttgarter Planer seinem Herzen einen Stoß und unterwarf die Odenwald-Quarzite, ebenfalls hochglänzende Steine, keinem Verbot.