Von Christoph Bor

Ehe Johann Peter, Sohn eines Hausierers aus Winsen an der Luhe, Hütejunge, freiwilliger Jäger im Freiheitskrieg, Kunstschüler, Student, dann Schriftleiter in Hannover, sich aufmachte und 320 Kilometer zur Sonne seines Lebens nach Weimar lief, träumte er von Goethe.

"Ich faßte immer seine Beine um, aber er hatte dicke Unterhosen an; er sagte, er könne anders nicht mehr warm werden. Er war schon sehr alt, aber mich hatte er sehr lieb, er holte mir auch aus der Kammer eine ganze Hand voll Birnen, die er auch schälte, aber bloß am Stengel herum... Auch der Ottilien ihre beiden Kinder stellte er mir vor, sie waren hübsch und dick mit hellen Locken, und ich rezitierte ihm seine Verse ‚daß dem Vater in dem Sohne tüchtig schöne Knaben bringst‘. Er meinte ‚stillst‘ müßte es heißen, ich aber sagte ihm, ob er sein eigenes Gedicht nicht besser kenne, es müsse ja ‚bringst‘ heißen, worauf er mir denn auch Recht gab. Er weinte über die jetzige Poesie, er sagte, sie läge ihm gar schwer am Herzen, er müsse nun bald davon, habe aber die beste Hoffnung auf mich gesetzt und würde nunmehr ruhiger sterben."

Das ist das erste Gespräch mit Goethe, das Eckermann niedergeschrieben hat: ein Traum. Es steht nicht in seinem Werk, dem meistgelesenen, wie Hermann Bahr sagt, dem meistzitierten Buch Goethes, wie Julius Petersen feststellte, dem besten deutschen Buch überhaupt, wie es Nietzsche pries. Eckermann hat das Traumgespräch in einem Brief seiner Braut mitgeteilt. Aber als er das Buch schrieb, benutzte er für die endgültige Fixierung der ersten Gespräche im Hause am Weimarer Frauenplan seine Briefe über das tiefe Erlebnis, ebenfalls an Hanchen in Hannover gerichtet. Der tapferen Johanna Bertram, die 13 Jahre auf ihn, den brotlosen Schwärmer an Goethes Tisch, wartete, hat sich das enthusiastische Gemüt ganz und ohne Scheu enthüllt. Ihr gab er in der Traumskizze sein Goethebild, lange ehe er es für die Welt malte, ja noch anderthalb Jahre, ehe er seinem Heros im Sommer 1823 das erste Mal gegenüberstand.

Damals war Goethe den Zeitgenossen in Regionen eisiger Unnahbarkeit entzückt. Der Aufrüttelnde und der Treibende, der Mann des Volkes und seiner Jugend, der Gestalter einer Epoche, er war mit der Epoche abgetreten; die Tage des Götz und des Werther und auch die des ersten Faust-Teils waren vergangen. Der da in Weimar Hof hielt, war ein alter, steifer Geheimrat, ein "Fürstenknecht", der höchst unberechtigt Huldigungen für einen in Wahrheit längst verstorbenen Helden der Freiheit entgegennahm. Ohne Zweifel war er eine Sehenswürdigkeit; kein Snob und kein Globetrotter versäumte die Besichtigung.

Aber ein schlichter Mensch, der für ein; Handwerk zu schwächlich gewesen war, verspäteter Gymnasiast mit fünfundzwanzig Jahren, und dann auch zu schwächlich für Studium und Lebenskampf, sieht durch die extrem frostige Erscheinung eines Versteinerten hindurch den Lebendigen, Fühlenden. Er sieht Goethes Menschlichkeit, sicht sie nach; Enthusiastenart auch gleich wieder extrem als eitel Liebe und Hilfsbedürftigkeit, Was er zunächst faßt, sind die Unterhosen.

Goethe war es, der das Bild korrigierte. Auch in geistigen Unterhosen hat er sich Eckermann nicht gezeigt. Er wußte ja, daß der Helfer an der letzten Gesamtausgabe seiner Werke, seine Gespräche aufzeichnete. Goethe hatte sich immer in der Zucht; wie sollte er sich da einem Interviewer und Porträtisten gegenüber gehen lassen, der den unausgesprochenen Auftrag gut verstanden hatte, seine Autobiographien zuende zu schreiben? 1822 brechen die "Annalen" ab, sechs Monate drauf nimmt Eckermann die Feder in die Hand. 938 mal ist nach Goethes Tagebüchern sein Famulus in neun Jahren bei ihm gewesen, 230 Gespräche mit dem alten Faust zu Weimar hat sein Wagner umgeschrieben.