1848 zog Karl Hillebrand mit den studentischen Freikorps aus, die mit Gewalt die Annahme der Frankfurter Reichsverfassung erzwingen wollten. Nach dem Zusammenbruch der Revolution mußte er fliehen. Sein Weg führte nach Frankreich, wo er kurze Zeit der Sekretär Heines war und später Professor für ausländische Literatur wurde, über England nach Italien. Dort gehörte er zu jener deutschen Kolonie von Künstlern und "Intellektuellen", die sich in den siebziger und achtziger Jahren in Florenz zusammenfanden. Die Namen Adolf von Hildebrands, Böcklins und Marées’ werden öfter genannt als der seine, obwohl es Hillebrand war, der die Kunstanschauungen des Kreises in seinen "Briefen eines ästhetischen Ketzers" formulierte. Ein ungewöhnliches Leben, das, geht man seinen einzelnen Stationen nach, recht modern anmutet. Aber Hillebrand ist beinahe vergessen. Handelt es sich hier um eine der Ungerechtigkeiten, die gerade wir Deutschen so oft gegen jene verüben, die weder Kriege geführt noch anderen Schrecken um sich verbreitet haben? Julius Heyderhoff, dessen Auswahl von Hillebrands Essays jetzt wieder erschienen ist:

Karl Hillebrand, "Geist und Gesellschaft im Alten Europa", K. F. Köhler Verlag, Stuttgart, 275 Seiten, 12,50 DM

ist dieser Ansicht. – Doch werden die durch die Einleitungsworte vom "weltgültigen deutschen Schriftsteller", dessen "Schriften den Dank und die Bewunderung Nietzsches fanden", erweckten Erwartungen enttäuscht. Die Essays waren Beiträge, die in der Tagespresse und den Journalen der Zeit erschienen. Die vorliegende Auswahl ist größtenteils einem siebenbändigen Werk "Zeiten, Völker, Menschen" entnommen, und man möchte annehmen, daß Hillebrand selbst sich gegen den im Titel des Auswahlbandes implizierten geistesgeschichtlichen Anspruch gewandt hätte.

Die einzelnen Essays, von Sainte-Beuves literarischen Porträts beeinflußt, sind unterschiedlich. Am besten gelungen sind jene, die sich, wie der über Katharina II. und Grimm, eng an Quellen halten – in diesem Falle die Korrespondenz der Kaiserin mit ihrem Kunst- und Nachrichtenagenten in Westeuropa – und sozusagen die Lebendigkeit der Briefe durch einen laufenden Kommentar akzentuieren; oder, wie der über Dickens, ebenfalls von der Korrespondenz ausgehend, ein wirkliches Porträt entstehen lassen. Enttäuschend sind die Arbeiten über Petrarca, Lorenzo de’ Medici, die Borgia, die Zeit- und Sittenbilder sein wollen und zum Vergleich mit Hillebrands Zeitgenossen Burckhardt einladen, dem sie nicht standhalten. Ebenso unterschiedlich sind die Essays, die sich an Hand eines großen Namens mit politischen Ideen auseinandersetzen. Die Arbeit über Burke etwa ist eine aufschlußreiche Einführung in die in Deutschland nicht genug bekannte Ideenwelt eines echten Konservatismus, der zugleich die amerikanische Revolution gutheißen konnte, weil es in ihr um die historisch verbrieften Rechte, britischer Untertanen ging, und die französische Revolution bekämpfen mußte, weil er sie als ein Resultat jenes Verstandeshochmutes erkannte, der sich unterfing, Geschichte neu zu beginnen. Dagegen ist der Essay über Machiavelli nichts als eine Wiederholung der gängigen, aber darum nicht minder falschen Klischees, die sich von einer oberflächlichen Kenntnis des "Principe" herleiten und die "Discorsi" ignorieren.

Der Schluß liegt nahe, daß Hillebrand einen Ehrenplatz in der Geschichte des deutschen Liberalismus verdient, nicht aber in der Geschichte des Geistes im 19. Jahrhundert. Auch der krampfhafte Hinweis auf Nietzsche ändert daran nichts, denn Nietzsche, der entsetzlich Einsame, hat ja auch den unsäglichen Peter Gast für eine geistige Potenz gehalten. Es handelt sich bei der Wiederentdeckung Heyderhoffs wohl nicht um einen Beitrag zur Geistes-, sondern um eine lesenswerte Fußnote zur Literaturgeschichte. Marianne Regensburger