Der Enkel eines Auswanderers macht einen Besuch in seiner irischen Heimat

Von John Steinbeck

Es muß in den verträumten kleinen Dörfern Italiens, Deutschlands, Irlands und Englands eine geheime Anziehungskraft verborgen sein, die besonders lebendig wird, wenn der Nachfahre der Einheimischen zu ihnen zurückkehrt, um den Ort seiner Herkunft zu entdecken. Mir scheint, daß Irland mehr als die anderen Länder unter dieser Eigenschaft zu leiden hat. Jeder Ire – und das heißt: jeder Mensch, der auch nur einen einzigen Tropfen irischen Blutes in seinen Adern trägt – macht früher oder später eine Pilgerfahrt zur Heimat seiner Ahnen. Da vollführt er nun ein triumpierendes Theater um die winzigen Schafhürden und die Ställe, beklopft wohlwollend und stolz vermooste Felsblöcke, gerät in Ekstase über altmodische, brüchige Möbel und findet es reizend, daß die Vergangenheit in der Familie weiterlebt. Er würde aber nicht im Ernst daran denken, dort wirklich zu leben, und wenn man ihm das ganze Dorf schenkte. Und die Einheimischen kommen sich gar nicht altmodisch vor, sie finden sich durchaus normal. Für sie klingt gerade die Sprache des amerikanischen Nachkommen ausländisch, besonders wenn er aus sentimentaler Wiedersehensfreude Amerikanisch mit irischem Akzent spricht. Und das tut er meistens. Die Einheimischen müssen den Besucher für verrückt halten.

Ich habe solch eine Pilgerreise hinter mir. Ich bin Halbire, der Rest meines Blutes ist mit etwas Deutsch und etwas Massachusetts-Englisch verwässert. Aber irisches Blut läßt sich nicht so leicht verwässern. Meine Strähne muß ziemlich kräftig sein.

Ich habe das Gefühl, daß meine Verwandten immer an Irland als an ein grünes Paradies dachten. Nur Könige und Helden entstammten dieser heiligen Insel, und die Spitze jener schimmernden Pyramide nahm unsere Familie ein, die Hamiltons.

Mein Großvater, der von dort gekommen war, Träger dieses stolzen Namens, war wirklich ein großartiger Mann mit höflicher Weisheit und untadeligem Benehmen. Er starb, als ich noch ganz klein war, aber es ist bemerkenswert, wie sehr ich mich an ihn erinnere. Seine kleine irische Frau, so erzählt man, brachte den Kobolden hinter den Hügeln von King City, Kalifornien, regelmäßig Milch, und als ein nörgelnder Nachbar die Vermutung laut werden ließ, daß die ganze schöne Milch ja doch nur von den Katzen gesoffen würde, schleuderte meine Großmutter diesem Nachbarn einen Blick zu, der ihm die Nase verbrannte.

Irgendwie wuchsen wir mit dem Gefühl der Bevorzugung auf, nur wegen unserer halbirischen Abstammung. Damals kam niemand auf die Idee, zurückzufahren, um sich zu Hause mal wieder umzusehen. Meine Großeltern machten nie wieder einen Besuch in der alten Heimat. Ich kann mich nur an zwei Verwandte erinnern, die das taten. Der eine war ein Vetter meiner Mutter, Richter am Obersten Gericht in Kalifornien. Ich glaube, er fuhr nur zurück, um den irischen Verwandten einen Eindruck von der überragenden Bedeutung des amerikanischen Zweiges der Familie zu geben. Sie müssen ihn allerdings ganz hübsch haben abfahren lassen, denn er erzählte nie von seinem Besuch.