w. s., Hamburg

Die Hamburger Sozialbehörde will den Teufel durch Beelzebub vertreiben", so heißt es im Hamburger Stadtteil Eidelstedt-Stellingen. Massenwohnlager sollen durch Schaffung neuer. Massenwohnlager beseitigt werden." Viele Bewohner des Ortsamtsbezirks sind höchst ärgerlich. Mit Händen und Füßen wehren, sie sich dagegen, daß man ihnen ein Heim für 250 ledige Männer in eines ihrer schönsten Wohnblockviertel pflanzen will. Daß diese Männer aus einem Lager kommen, erscheint manchem besonders gefährlich.

"Massenquartiere sind von asozialen Elementen durchsetzt und Unruheherde der öffentlichen Sicherheit", so ereiferten sich die Abgeordneten des Ortsausschusses. "Ohne Schlägereien und Messerstechereien geht es selten ab. Belästigungen unserer Töchter werden an der Tagesordnung sein..."

Obwohl die Errichtung des Gebäudes beschlossene Sache und von der Sozialbehörde der Gemeinnützigen Siedlungs-Aktien-Gesellschaft bereits in Auftrag gegeben ist, hoffte man, das vermeintliche Unheil doch noch abwenden zu können. Aber das war vergebliche Müh’. Selbst der Kompromißvorschlag: "Sechzig Männer würden wir eventuell in Kauf nehmen!", wurde abgelehnt. "Zu spät!" hieß es. "Die Eingabe hätte vor einem halben Jahr gemacht werden müssen." Aber da wußte das Ortsamt noch nichts von dem Plan. Man hat es vor vollendete Tatsachen gestellt.

Direktor Elsner von der Sozialbehörde kann dem Sträuben kein Verständnis entgegenbringen: "Andere Ortsämter würden sich um ein solches Heim reißen. Es wird das modernste seiner Art im Bundesgebiet sein."

127 Zimmer sind vorgesehen. Jedes – vierzehn bis fünfzehn Quadratmeter groß – soll mit zwei Personen belegt werden. Die monatliche Miete beträgt 34 Mark – einschließlich Möblierung. Das setzt voraus, daß die Mieter einer geregelten Arbeit nachgehen. Nur Berufstätige sollen eingewiesen werden. "Wenn der Beweis der Bewährung erbracht ist, werden sich bestimmt Privatunternehmer finden, die von sich aus in anderen Stadtteilen ähnliche Heime errichten", so sagten die Mitarbeiter der Sozialbehörde. Der Senat hat beschlossen, daß innerhalb von drei Jahren alle Nissenhütten- und Barackenlager zu verschwinden haben. Das setzt die Unterbringung von 23 000 Personen voraus, unter ihnen 2732 Familien mit drei bis vier Kindern, 990 mit fünf bis sechs und 247 mit sieben und mehr Kindern. Zu ihrer Unterbringung sind über 5000 Wohnungen erforderlich. 780 sind bereits im Bau. Jede wird dreißig bis vierzig Quadratmeter groß. Je nach Zahl der Familienmitglieder sind Zwei-, Zweieinhalb- und Dreizimmerwohnungen vorgesehen. Sie werden zuschußfrei vergeben. Der Mietpreis beträgt eine Mark pro Quadratmeter. Für die Durchführung des Projektes sind über 50 Millionen DM erforderlich. Das Problem der Familienunterbringung ist auf dem Papiergelöst. Schwierigkeiten werden nur bei der Auflösung der Männerlager befürchtet, von denen es drei mit insgesamt 1750 Personen in Hamburg gibt. Hinzu kommen noch 800 Männer, die in Übernachtungsstätten leben. Es sind Heimkehrer, Sowjetzonenflüchtlinge, Sowjethamburger" und seßhaft gewordene Wanderer. Man kann ihnen nicht allen zumuten, sich nach einer möblierten Bleibe umzusehen; denn "Kleinverdiener", Rentner und Erwerbslose können im Monat nicht 50, 60 und mehr Mark für bloßes Wohnen aufbringen. Hinzukommt, daß viele Vermieter bisherige Lagerbewohner als Mieter ablehnen. "Das sind alles Rabauken!" hört man immer wieder. Das Gros der Wohnlager – Männer ist aber rechtschaffen, friedfertig und ehrlich. "In meinem Dienstbereich befindet sich das größte Männerlager Hamburgs", sagt Polizeirevierführer Heinemann. "1000 Männer leben da. Zu Unruhen, die den Einsatz von Peterwagen notwendig machen, ist es noch nie gekommen. Auch kleinere Stubenkrawalle und Verstöße gegen die Lagerordnung kommen nur selten vor." Auch die Bewohner der umliegenden Häuser beklagen sich nicht. "Man wohnt hier genau so ruhig und sicher wie anderswo auch." Einige Geschäftsleute bedauern die geplante Auflösung des Lagers sogar: "Ledige Männer sind gute Kunden. Sie drehen den Pfennig nicht um. Unser Umsatz wird erheblich zurückgehen."

Vier Männer wohnen in jeder Stube.