Die Aula der Münchener Universität war bis auf den letzten Stehplatz gefüllt. Im Parkett manch ein bedeutender weißhaariger Gelehrtenkopf, auf der Galerie die Jugend. Sie vor allem ließ den Beifall hochbranden, als der untersetzte Mann mit dem, von einem mächtigen weißen Bart umrahmten biblischen Prophetenkopf langsam die Bankreihen durchschritt und bedächtig das Katheder bestieg. Man spürte: dieser Beifall war nicht nur eine herzliche Geste der "Wiedergutmachung", er galt einem großen Denker, einer verehrungswürdigen Persönlichkeit, einer Autorität, nach der die Jugend sich sehnt.

"Die Zukunft des Menschen hängt von der Wiedergeburt des Dialoges ab." Dieses Wort Martin Bubers, in der Emigration gesprochen, zitierte der Rektor, als er den Gast von der Universität Jerusalem begrüßte, und er knüpfte die Hoffnung daran, das Wirken des großen jüdischen Religionsphilosophen möge zur Aussöhnung beitragen. Wie gern hätte die Jugend in München die Brücke der Diskussion zwischen Mensch und Mensch geschlagen, die nach Bubers Wort immer seltener geschlagen wird! Hier wäre die Gelegenheit gewesen. Hier stand greifbar einer nahe, aus der langen Reihe bedeutender jüdischer Denker,die aus dem Lande ihrer Muttersprache vertrieben worden waren, hier stand ein Patriarch des Geistes, dessen letztes Werk eine neue Verdeutschung des Alten Testaments ist, der im vorigen Jahr den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt...

Weil diese Gelegenheit so wichtig gewesen wäre, nicht nur für die Aussöhnung, sondern vor allem, um in der Jugend das Gefühl zu erwecken, hier ist eine Autorität, von der sie etwas erwarten darf – deswegen war es schade, daß für den Vortrag des großen jüdischen Religionsphilosophen, dessen Denken aus den von ihm selbst gesammelten tiefsten Quellen des Ostjudentums, den Erzählungen der Chassidim, der Wunder-Rabbis gespeist ist, das Thema Der Mensch und sein Gebild gewählt wurde, das bei einem solchen Denker zu einer einsamen Gratwanderung in einer klaren und kalten geistigen Höhenluft werden mußte.

So wurde der verehrte Mann, die ersehnte Autorität, plötzlich fern gerückt und die Kluft war viel zu weit geworden, um von der Galerie zum Katheder überbrückt zu werden. Gewiß hat, wer dies verschmerzen konnte, und um letzte philosophische Deutung des Schöpferischen im Menschen bemüht ist, manche kostbare Erkenntnis und Formulierung mit in seine Studierstube nehmen können, wiewohl es angestrengtester Aufmerksamkeit bedurfte, um in der gedrängen Zeit den sorgsam modulierten Gedankengängen folgen zu können. Hier kann nur eine bescheidene Skizzierung versucht werden. Martin Buber stellte die Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem, was dem Menschen und dem, was der Kunst eigentümlich ist. Es sollte weder eine Frage nach Ursprung und Entwicklungsgeschichte noch eine psychologische Frage sein. Der "Weg der Frage" müsse in der Sphäre der menschlichen Sinne beginnen. Der Künstler ist der Natur nicht hörig. Aber wie nah oder wie weit er auch von ihr entfernt ist – er vermag nur zu schaffen aus den fundamentalen Vorgängen der Wahrnahm, die immer eine Begegnung mit der Welt ist. "Denn wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur, wer sie herausreißen kann, der hat sie", sagt Dürer.

Was aber bedeutet uns staunenden und standhaften Zeugen die Diskrepanz zwischen dem Wahrnehmbaren und dem physikalisch oder mindestens mathematisch Faßbaren, das nirgends in der Natur zu finden ist? Auch in Goethes Fragment wird die Natur, wiewohl sie nicht ihr Geheimnis verrät, als zuverlässig bis zur Gütigkeit gepriesen. In unserem Zeitalter der heroischen Physik, wendet Buber ein – und er fügt hinzu: "der heroischen Resignation" – besteht ein Widerstand gegen den Enthusiasmus solchen Glaubens. Unser Verhältnis zur Natur wird von mathematischen Grundformeln bestimmt, Experimente und technische Ausführung bestätigen ihre Richtigkeit, ein furchtbares Zweierlei wird offenbar.

Bubers Beispiel von der Linde, an der er täglich vorüberging, weist einen Weg aus der Beklemmung – "denn der Nicht-Physiker verlangt danach, in einer real vorstellbaren Welt zu leben" – und öffnet zugleich den Blick auf die schöpferischen Vorgänge im Künstler. Hatte der philosophische Wanderer das Unvorstellbare, das Eigenschaftslose, das Entsinnlichte der Linde, ihre "X-Welt" hingenommen, so rief er dennoch, wenn sie ihm plötzlich in ihrer frühlingsgrünen Pracht zu Bewußtsein kam, wie Goethe beim Anblick der sinnlich glühenden Rose aus: Du bist es also!

Alle Schaubarkeit, lehrt Buber, hat eine Richtung zur Figuration. Die künstlerische Phantasie ist im innersten Wesen Entdeckung durch Figurierung. Sie wird nur durch elementaren Verzicht auf eine Sinnen-Sphäre ermöglicht – mit Ausnahme der Dichtkunst, die weder dem Raum noch der Zeit, sondern nur der Sprache botmäßig ist. Die Kunst dringt über die Wahrnehmung hinaus, sie macht das Überflüssige zum Notwendigen, das Gegenüberstehende zum "Gebild". Über das naturhafte Zugemessensein hinaus erstrebt der Künstler die Vollkommenheit in der Relation – er vollendet die Dinge zur Gestalthaftigkeit, indem er, um nun wieder mit Dürer zu sprechen, die Kunst aus der Natur "herausreißt".