h. m., Stuttgart

Der Landtag in Stuttgart erhielt dieser Tage den Entwurf zu einem Landesverwaltungsgesetz, in dem unter anderem auch die Frage der Neuabgrenzung der unteren Verwaltungseinheiten behandelt werden sollte. In letzter Minute wurde auf Wunsch der Landesregierung diese Kreisgrenzenreform herausgenommen und dem Gesetzestext der Passus einverleibt, daß diese Frage der zukünftigen gesetzlichen Regelung obliege. Damit wäre dann das Problem bis nach den Neuwahlen von 1956 verschoben.

Als es aber um die Abstimmung zugunsten des Südweststaates gegangen war, reiste Dr. Friedrich Metz, Professor der Geographie in Freiburg im Breisgau, im Lande umher. Er wies der Bevölkerung mit viel Geschick nach, daß der Verwaltungsgrenzenwirrwarr der Landkreise unhaltbar sei. Eine Bereinigung könne aber nie durch Altbaden oder Altwürttemberg geschehen. Die Problematik der Enklaven, Exklaven, Verschachtelungen, insbesondere aber auch der peripheren Lage der Kreishauptorte sei besonders im badisch-württembergischen Grenzgebiet brennend. Also könne, so erklärte Professor Metz, nur die Länderzusammenlegung Abhilfe schaffen.

Damit wurde namentlich in Nordbaden sehr viel Stimmung für den Südweststaat gemacht. Besonders hoch schlugen die Wogen in Pforzheim, das als Dreiviertelenklave Badens im Württembergischen liegt. Die Ernüchterung kam hinterher. Es gab weder einen Landkreis Pforzheim, noch kamen Gemeinden des württembergischen Kreises Calw zu Baden. Baden gab es zwar nicht mehr, aber keine Calwer Landgemeinde wollte zu einem badischen Landkreis. Jetzt ist es Pforzheim nur noch übriggeblieben, bei der Landesregierung seine Aufnahme in den württembergischen Kreis Calw zu beantragen.

Anderenorts war es nicht besser. Es ging nicht etwa um die angebliche Unverträglichkeit badischer und württembergischer Temperamente. Aber eine Umänderung der Kreisgrenzen bedeutet auch eine Umgestaltung der unteren Bürokratie, Abänderung der parteipolitischen Einflüsse. Da alleParteien in der Regierung vertreten sind, will niemand das heiße Eisen anfassen. Ergo: Der badische Landesparteitag der CDU (so etwas gibt es auch noch im Südweststaat!) beschloß, eine Kreisänderung dürfe nur mit Zustimmung aller betroffenen Bevölkerungsteile vorgenommen werden. So bleibt alles beim alten. So wird also auch weiterhin der zuständige Bezirksschornsteinfegermeister des Kreises Tuttlingen (Südwürttemberg) 40 km auf den Hohentwiel bei Singen (Südbaden) radeln müssen, um dort die paar württembergischen Kamine zu reinigen. Denn das lernt dort jedes Kind: Der Hohentwiel ist eine altwürttembergische Festung und soll es bleiben, selbst wenn es einen Südweststaat gibt.

Aus Lissabon aber hört man den Gesandten und Altlandesvater Professor Wohlleb murmeln: "Ich han es ja immer gseit: Werfet zwei Muschterländle zsamme, un es gitt en Sauhaufe!"