Die verdienstvolle Konzertreihe "Musica viva" in München, die seither verschiedentlich Nachahmung gefunden hat, kann in dieser Saison auf ihr zehnjähriges Bestehen zurückblicken. Aus diesem Anlaß mag es an der Zeit sein, zu untersuchen, ob und wieweit die Abgrenzung des Begriffs "Neue Musik" von den schöpferischen Werten, die sich einen festen Platz im bleibenden Werkbestand erobert haben, heute noch zu Recht besteht.

Was ist zeitgenössische, was ist neue, was ist moderne Musik? Daß man oft ein und dasselbe mit diesen Worten bezeichnet, beweist die Unsicherheit dem Ungewohnten gegenüber überhaupt. Bekanntlich fließt alles in der Gegenwart, es ist begrifflich schwer zu fassen, die geschichtliche Ordnung hat sich der vielfältigen Erscheinungen noch nicht bemächtigt. Aber die Aspekte, die diese Unsicherheit, im Abwägen von Schlecht und Recht zumal, verstärken, reichen tiefer. Sie führen bis in die historische Verankerung zurück. Wie weit die Verwirrung geht, erhellt die Tatsache, daß man nunmehr weit über ein Menschenalter alle Produktion der Musik sich gleichsam vom Leibe hält. Denn was anderes soll neu, modern oder zeitgenössisch heißen, als: abwarten, zur Kenntnis nehmen, doch nicht akzeptieren?

Es kommt hinzu, daß jene Begriffe seit Jahrzehnten festliegen, obwohl doch das, was sie ursprünglich meinten, gar nicht mehr stimmt. Freilich, zeitgenössisch oder modern – das ist recht unverbindlich, es reicht sozusagen über das Abwarten nicht hinaus, es gibt sich erst gar nicht die Mühe, eine Einordnung zu versuchen. Aber neu? Seit wann gibt es neue Musik? Gibt es nicht auch neue Musik seit altersher? Sicher, man meinte damit einmal die Überwindung der Hochromantik, die Befreiung von einem alles beherrschenden Einfluß. Und erhob den Begriff zum Kennzeichen einer Musikepoche und schrieb ihn zur Sicherheit groß: Neue Musik. Es sieht aber fast so aus, als ob es an der Zeit wäre, ganz schlicht zu fragen: wieso eigentlich heute noch "neue" Musik? Oder anders gefragt: hielt der Begriff als Kennzeichen einer Musikepoche den Zeitläuften stand?

Es gibt eine gute Gelegenheit, diese Frage zu erproben. Die mit Recht berühmte Musica viva-Konzertreihe – auch kein Zufall, daß man sich aus vielerlei Verlegenheiten in die lateinische Terminologie flüchtet – erlebt in dieser Spielzeit in München ein Jubiläum: sie ist zehn Jahre alt. Grund genug, ein Programm zu erstellen, das selbst kennzeichnend ist für den Konzertlauf unserer Tage. Nun, unter acht Konzertprogrammen findet sich, außer einem Geburtstagskonzert für Meister Hindemith, kein einziges ohne das Werk eines jener anerkannten Komponisten, die aus irgendeinem Grunde (mehr oder weniger gewichtigen oder richtigen) die Neue Musik zu ihren Ahnherren ernannte. Sie heißen Debussy, Ravel, de Falla und – nun zu den Vätern der Neuen Musik übergehend – Strawinskij, Bartok, Schönberg, Berg, schließlich auch Hindemith. Ob aber die drei Ahnherren Musica viva-reif sind? Ob sie zeitgenössisch, modern oder neu sind? Genug, sie werden usurpiert, obwohl sie doch zweifellos jedenfalls ins neunzehnte Jahrhundert gehören. Viel auffälliger jedoch ist der Fall Strawinskij. Er ist auf fünf von acht Programmen vertreten. Und gerade an seinem Werk, an seiner Entwicklung läßt sich mit Sicherheit ablesen, daß alle diese Begriffe, wenn sie überhaupt einmal richtig gewesen sein sollten, zumindest heute überholt sind. Worum es geht, läßt sich allerdings genau so an Hindemith und Bartók nachweisen. (Schönberg steht auch hier, wie immer bei derartigen Überlegungen, abseits.) Das Werden dieser drei Komponisten beweist nämlich eindeutig, daß die Begriffe neu, modern und zeitgenössisch ihrem Werk gegenüber nicht mehr standhalten. Sie alle haben die Rückwendung zur Verankerung in der Historie schon längst vollzogen, die Kennzeichen ihrer musikalischen Charaktere sind seit langem auf einer übergeordneten Ebene zu suchen.

Das heißt mit anderen’Worten: was auf anderen Kunstgebieten schon längst geschehen ist, nämlich die Einordnung und damit geistige Trennung der führenden Geister unserer Zeit als Mitträger der Geistesgeschichte, ist in der Musik überfällig. Oder will man behaupten, daß Bartok, Strawinskij und Hindemith in den einen Topf der Neuen Musik geworfen werden können, nur Weil sie einmal vor undenklichen Zeiten an der Front eines neuen Musikjahrhunderts gestanden haben?

Man kann behaupten, daß dieses starre Festhalten an alten, überholten Begriffen zu seinem Teil an der Scheu des Publikums gegenüber (neuer, moderner oder zeitgenössischer?) Musik unserer Gegenwart Schuld trägt. Man kämpft um die Durchsetzung eines Begriffs, wenn man für die Neue Musik weiterhin noch so klug wettert, aber nicht für den Sieg der Musik selbst, um die es sich handelt. Abstrakte Begriffe sind und bleiben unpopulär, und es wäre schon längst möglich, das Werk der führenden Komponisten unserer Gegenwart in die Geschichte einzuordnen; denn der jeweilige Schwerpunkt ihrer historischen Bezüglichkeit ist schon längst gewiß. Ebenso gewiß ist, daß auch die Anhänger der Zwölftontechnik ohne Varianten ihrer Gesetze auf die Dauer nicht auskommen werden. Das "Neue" als solches hat keine geschichtliche Funktion mehr. Hans Rutz