Als Kinder haben wir uns nie sehr darüber gewundert, daß jedes Jahr pünktlich der neue Karl May auf dem Weihnachtstisch lag, obwohl Karl May längst gestorben war. Die Hauptsache war für uns, daß er kam – über Qualität oder Originalität nachzudenken, lag uns fern. Um so verwunderlicher in es heute, wo einem berühmten Schriftsteller jedes Manuskript aus der Hand gerissen und etwaige postume Schriften möglichst veröffentlicht werden, bevor noch der Sargdeckel geschlossen ist – wenn sieben Jahre nach Hans Falladas Tod ein "neuer Fallada" erscheint:

"Fridolin, der freche Dachs", Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt am Main, 225 S., 6,80 DM.

Die Erklärung: Fallada schrieb für seine kleine Tochter "Mücke" die Geschichte vom mürrischen Dachs, der nichts als seine Ruhe haben und seinen Bauch angenehm füllen will, und dabei, ständig in Konflikt mit Mensch und Tier, zu der Erkenntnis kommt, daß "der Schöpfer aller Wesen auf mich Dachs überhaupt keine Rücksicht genommen hat". Der Schwiegersohn Falladas hat jetzt, nach dem Tode seiner Frau, eben jener "Mücke", die Geschichte von Fridolin, die Erwachsene mit ebensoviel Vergnügen lesen werden wie Kinder, zur Veröffentlichung gegeben.

Schon Falladas 1938 erstmalig bei Rowohlt erschienenen und jetzt neu aufgelegten

"Geschichten aus der Murkelei", Blüchert-Verlag, Stuttgart, 168 S., 6,80 DM,

hatten gezeigt, wie nahe diesem Autor einer realistisch harten Prosa auch die Welt von Traum und Märchen lag. Es sind köstliche Geschichten, mit der Phantasie eines Märchenschreibers und mit der Lebenserfahrung des Autors von Falladas Romanen erzählt.

Bei der Geschichte vom Unglückshuhn, dem auch ein Diamantkopf und ein Goldberg nicht zum Glück – nämlich einem liebevollen Blick des stolzen bunten Hahns – verhelfen kann, denkt man an die bitterheitere Fabelweisheit Lafontaines. Und nicht bloß bei dieser Geschichte. Aber das passiert nur den Erwachsenen, die immer an etwas anderes denken müssen. Die Kinder, für die dieses Buch bestimmt ist, werden sich und die Umwelt vor Spannung über "den unheimlichen Besuch"

M. v. Z.