Wie oft heißt es nicht: "Solch einen Menschen wird es nie wieder geben!" Es fällt uns leicht, den Vorhang der Geschichte fallen zu lassen, wenn wir in die Vergangenheit gebildet und das Leben einer großen Persönlichkeit betrachtet haben. "Das kommt nicht wieder!" – wieviel angemaßte Einsicht in den Gang der Welt liegt nicht in Urteilen dieser Art.

Aber nicht immer sind es Urteile, oft nur Empfindungen, und zwar Empfindungen gemischter Art. Wir geißeln unsere eigene Epoche, indem wir ihr die Fähigkeit absprechen, farbige und reiche Naturen hervorzubringen oder auch nur zu dulden. Aber es kann auch geschehen, daß es uns vorkommt, unsere Zeit habe Dringenderes zu tun, als geniale und zugleich dekorative Wesen aufkommen zu lassen. So schwanken wir, wenn wir in den Zauberkreis der Erinnerung treten, zwischen der Melancholie über unersetzliche Verluste und dem Selbstbewußtsein unserer Zeit, die den Begriff des überflüssigen Menschen geschaffen hat. Noch niemand hat erklären können, warum ein Mensch, der eine kühne Eisenbahnbrücke gebaut hat, einen höheren Rang verdient als einer, der schöne Blumenstücke malt. Die Menschheit, die zurückblickt, sieht das Geleistete als ein Ganzes, und wenn genug Zeit verflossen ist, lehrt sie ihre Kinder, beides gleich hoch zu achten.

Von Lautrec zu Diaghilew

Für die Frau, von der ich hier erzählen will, ist kein Rang, keine Kategorie und kein Schubfach vorgesehen, und doch hat sie Feuer entzündet und wachgehalten, welche die Dunkelheit dieser Jahrhunderthälfte hartnäckig durchleuchten. Ich spreche von Misia Sert, die vor einigen Jahren nach einem fünfundsiebzigjährigen Leben in Leidenschaft und Schönheit sanft gestorben ist, nachdem sie ihre Epoche – soweit sie durch die Künste bestimmt war – als unbestrittene Königin regiert hatte.

In sanften Umrissen zerfließt mir ihr Bild. Was an ihrer fast unermeßlichen Mitwirkung an dem gestalteten Zauber von Paris war rein weiblich? Was entstammte ihrer Urteilskraft oder, besser gesagt, ihrem nie trügenden Ahnungsvermögen? Man kann eine solche breit entfaltete Herrschaft nicht allein mit dem Kunstverstand erklären, der ihr innewohnt. – Sie war polnischer Herkunft, wie ja viele große Pariser Figuren aus dem Ausland kamen. Mit fünfzehn Jahren heiratete sie den Herausgeber der damals stürmisch bekannten-"Revue blanche", wurde einige Jahre darauf von dem unermeßlich reichen Besitzer des "Matin" erobert und heiratete schließlich den spanischen Maler José Maria Sert, den sie nach zwanzigjähriger Ehe an ein junges Mädchen aus Georgien verlor. Aber auch, als sie allein war und in den wunderbarsten Formen alterte, verlor sie ihre beispiellose Autorität in künstlerischen Dingen nicht, und von den Geistern, die aus dem 19. in das 20. Jahrhundert hineinragen, gibt es im Rahmen der eigentümlichen Pariser Verzauberung, die noch heute unsere Zivilisation prägt, kaum einen, der sie nicht in künstlerischen und persönlichen Nöten zu Hilfe gerufen hätte. Ihr gelang es, in die letzten Lebensjahre des unglücklichen Toulouse-Lautrec ein wenig sanfte Ordnung zu bringen. Er malte sie unzählige Male oder vergnügte sich auch wohl damit, ihr mit seinem Pinsel die nackte Fußsohle zu kitzeln. Sie hielt Verlaines zitternde Hand, als sie ihn zum letztenmal im Spital besuchte. Mallarmé besuchte sie auf dem Lande fast jeden Abend, er legte im Flur seine Holzschuhe ab, war stolz auf seine prächtigen Socken und brachte vorsichtshalber seinen eigenen Rotwein mit. Siebenmal wurde sie von Renoir porträtiert, ihre Wohnung wurde von Bonnard ausgemalt. Sie kannte Debussy und Ravel, Valéry und die elfenhafte junge Colette, sie ging mit Marcel Proust ins Theater und neckte ihn wegen seines Snobismus –, ja, wen zog sie nicht in den Bann ihrer geselligen Zauberkünste, ihrer Musikalität und ihrer Liebe zur Kunst!

Ihre größten Jahre waren freilich die Zeiten des russischen Balletts. Sie hat die Geschichte ihres Lebens geschrieben und mit ihr, ohne es eigentlich zu wollen, den Beweis geführt, wie intensiv die Epoche vor 1914 den ersten Weltkrieg zu überleben vermochte. Was uns heute als Absturz und Ende erscheint, war in Wirklichkeit kaum eine Unterbrechung, wenigstens, was die Pariser Impulse angeht. Ja, die großen künstlerischen Ereignisse jener Zeit geschahen während des Krieges und ließen sich vom Schlachtenlärm nur wenig stören.

Das Ballett "Parade" von Erik Satie, Jean Cocteau und Picasso, das eine künstlerische Revolution bedeutete, wurde in Paris aufgeführt, während um Verdun die furchtbare Schlacht tobte. Cocteau ließ sich von dem großen Modekünstler jener Zeit, Poiret, ein Kostüm als freiwilliger Krankenpfleger entwerfen, Misia stellte die Lieferwagen der Modehäuser zu einem Ambulanzzug zusammen, der festlich eingeweiht wurde und, da er. sich als unbrauchbar erwies, der Zarin geschenkt wurde, was Anlaß zu neuen Feierlichkeiten bot. "Jeder Vorwand, der Armee zu helfen, war willkommen, um in endloser Folge Galavorstellungen und Feste zu veranstalten." Die Theater waren ausverkauft, die Restaurants hallten wider von Tanz und Musik. Cocteau schrieb aus der Etappe reizende Briefe, "ganz Bonaparte unter dem leinenen Zeltdach", wie er selbst sagte. – Ich habe diese Briefe immer abscheulich gefunden in ihrer Mischung von Schlachtenmalerei und selbstverliebtem Expresionismus wie etwa ungeheunes Wetterleuchten der Kanonen, Gruppen verwundeter Neger. Motore knattern. Ich umarme Sie. Jean."