Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Dr. Schreiber, hat die Berliner Beilage der illustrierten Zeitschrift "Der Stern" beschlagnahmt. Und zwar wegen eines Artikels, der den Titel trägt "Der Verdacht genügt" und der im Untertitel Dokumente und Zeugenaussagen verspricht "über den größten Skandal der Nachkriegszeit in Berlin und die zwei Gesichter des Polizeipräsidenten Dr. Johannes Stumm". Das Verbot stützt sich offenbar auf die Wiedergabe einer Aussage, die der ehemalige Kriminaldirektor und jetzige Rechtsanwalt Kurt Linke über eine Bemerkung des Bürgermeisters gemacht hat, die folgendermaßen lauten soll: "Auf die Bevölkerung kommt es nicht an."

Mag sein, daß diese Bemerkung so gefallen ist, wie Dr. Schreiber dies darstellt, nämlich etwa dem Sinne nach: Auf die Meinung der Bevölkerung kommt es nicht an, sondern auf die Wahrheit. Ist dies der Fall, so hätte sich dies sehr leicht durch eine Berichtigung, die der "Stern" gewiß nicht verweigert hätte, in Ordnung bringen lassen. Herr Dr. Schreiber aber hat gegen die Zeitschrift eine einstweilige Verfügung erwirkt und die noch vorhandenen Exemplare der Beilage beschlagnahmen lassen.

Wir sind der Meinung, so geht es nicht. Die Affäre Stumm hat nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland einen schlechten Geruch hinterlassen. Es geht nicht an, daß der Regierende Bürgermeister von Berlin sich darauf beruft, die Besatzungsmächte seien gegen die Abberufung des Polizeipräsidenten. Es ist außer jedem Zweifel, daß sowohl im kaiserlichen Deutschland wie in der Weimarer Republik ein Polizeipräsident, der durch etwas Ähnliches wie nahe Beziehungen zu dem "Margarinekönig" Oberjat kompromittiert wäre, nicht weiter im Amt hätte bleiben können. Es geht nicht, hier die Interessen der "Frontstadt Berlin" immer wieder zu betonen, um einen Skandal zu verdecken. Die Art, wie die alliierten Kommandanten diesen Fall behandeln, darf nicht unwidersprochen bleiben. Man kann nicht einem Mann, der offen vor Gericht der Trunksucht verdächtigt war, wichtige geheime Fäden in die Hand geben und ihn dann für unabsetzbar erklären.

Es ist Ihre Schuld, Herr Bürgermeister, daß immer wieder an den Skandal um den Polizei Präsidenten Stumm gerührt wird. Beamte, die sich öffentlich so kompromittiert, haben, dürfen nicht im Amt bleiben. Sie sehen ja, wohin es führt, wenn man dies erzwingen will: zur Unterdrückung der Pressefreiheit. Tgl