BP., Stockholm, im November

Seit Wochen erörtert die schwedische Presse die Gefahr einer neuen Inflation. Ausgangspunkt sind die bevorstehenden Lohn Verhandlungen für 1955. Die Wirtschaftslage ist nämlich so ausgezeichnet und die Vollbeschäftigung so hundertprozentig, daß ein ausgesprochener Mangel an Arbeitskräften herrscht. Vor allem fehlt es in der Metallindustrie an Fachkräften. Der rasch zunehmende Kraftwagenverkehr – 1954 wurden hunderttausend neue Wagen gekauft – führte vor allem zu einem Arbeitermangel in den Werkstätten. Die Textil- und Schuhindustrie leidet zwar schwer, aber im Gesamtbild der schwedischen Wirtschaft erwartet man für dieses Jahr doch eine Produktionssteigerung von 4,5 v. H. Bei der starken Nachfrage nach Arbeitskräften haben also die Arbeitnehmer in den kommenden Lohnverhandlungen eine starke Position ...

Die Regierung versucht durch geeignete Maßnahmen zu verhindern, daß die leider allzu bekannte Lohn- und Preiserhöhungsschraube ins Rotieren kommt. Die Kreditkontrolle wird verschärft und der Zinssatz für langfristige Anleihen wurde überraschend um ein halbes Prozent auf 4 v. H. heraufgesetzt. Die Preiskontrollbehörde wurde mobilisiert, um – wo nur irgend möglich – ausgleichende Preissenkungen zu erwirken. Man hofft, damit den Verbrauch um 200 Mill. Kr. oder etwa 1 v. H. im Jahr zu verbilligen. Eine weitere Maßnahme ist die Freigabe billiger Wareneinfuhren aus den USA, durch die man einen Druck auf die Preise ausüben will. Überhaupt ist die Einfuhr billiger ausländischer Waren ein bedeutender Faktor. Die von den Steuerzahlern anderer Länder gewährten Exportsubventionen kommen den schwedischen Verbrauchern zugute, und Schweden ist in vieler Hinsicht heute ein billiges Land. Die sehr preiswerten ausländischen Textilien, Trikotagen und Nylonstrümpfe sind natürlich den Verbrauchern willkommen; aber der schwedischen Textilindustrie sind sie ein großer Kummer. Sie hat wohl inzwischen einen Antidumpingzoll auf Nylonstrümpfe erhalten, und weitere Zollerhöhungen stehen in Aussicht, aber auch mit ihnen wird Schweden weiter "zollbillig" bleiben.

Wenn also durch die künftige Lohnerhöhung – sie ist z. T. schon vorweggenommen – eine Preiserhöhung auf manchen Gebieten eintritt, so stehen ihnen auf der anderen Seite Preisermäßigungen gegenüber. Der schwedische Finanzminister Sköld hat in einer Rede davor gewarnt, eine durchschnittlich Produktionserhöhung von 4,5 v. H. zu einer allseitigen Lohnerhöhung auszunutzen. Sköld warnte auch vor dem Aberglauben an die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Staates. Der Staat könne zwar die Entwicklungstendenzen beeinflussen, aber in einer demokratischen Wirtschaft mit voller Beschäftigung, freiem Arbeitsmarkt urd freiem Unternehmertum sei er nicht imstande, eine Überanstrengung der vorhandenen Kräfte oder einen Auftrieb des Preisniveaus zu verhindern, wenn Arbeitnehmer und Arbeitgeber gemeinsam dafür sind.

Inzwischen lockt die Inflationsschlange im "Paradies der Hochkonjunktur" die Arbeitgeber mit den Apfel der hohen Gewinne, sich die nötigen Arbeitskräfte durch höhere Nominallöhne zu sichern...