Der erweiterte Jugendausschuß der Hamburger Sportjugend hatte zum vergangenen Wochenende zu einer Arbeitstagung in den Jugendhof Barsbüttel geladen. Es galt, die Aufgaben und Zielsetzungen der HSJ und ihre Grenzen festzulegen und sich darüber klarzuwerden, was geschehen muß, um den Sport der Jugend endlich in vernünftige Bahnen zu lenken.

Der Volksdorfer Oberstudiendirektor Prof. Dr. Möckelmann begann sein Referat: "Was ist Jugendsport?" mit dem lapidaren Satz "Wenn ich das nur wüßte?" So verzichtete er auch erfreulicherweise auf eine begriffliche Definition, die ja doch zu nichts führt, zumal die Sportler insgesamt selbst gar nicht einmal wissen, was sie unter Sport verstehen oder verstanden wissen möchten, und weil es viel besser und fruchtbarer ist, einmal darüber ernsthaft nachzudenken, wie man einen echten Jugendsport gestalten sollte, der gleichermaßen Körper, Seele und Geist bildet. So wie man heute die Jugend sportlich beschäftigt und überbeansprucht,geht es auf keinen Fall weiter. Statt ihr eine ihr gemäße sportliche Betätigung zu geben, sie sich frei nach ihrem jugendlichen Geschmack austoben zu lassen, hat man die Jugend einfach in das durch die unzähligen Bundesspiele bedingte Organisationssystem gepreßt, sie gezwungen, sich schon in einem Alter zu spezialisieren, das dafür noch gar nicht geeignet ist. Allein die Tatsache, daß es noch immer zwei deutsche Meisterschaften für Jugendliche gibt, ist ein Unfug. Gewiß soll auch bei Jugendlichen der Leistungssport zu seinem Rechte kommen, aber doch stets nur in ihnen angemessenen Leistungen.

Das zweite Thema der Tagung hieß: Leibesübungen im Jugendalter. Hierzu ergriff Dr. med. habil. Hoske das Wort, und er äußerte die gleichen Bedenken wie sein Vorredner. Alles müsse bei uns gestaltet werden, selbst die Freizeit, statt der Jugend die Zeit zu lassen, sich mit sich selbst und ihrer Umwelt auseinanderzusetzen. Das Schwierige ist, daß es kein Rezept für eine Jugendsendung gibt, jeder Jugendleiter eines Vereins, jeder Sportlehrer muß allein wissen, was er zu tun hat. Wo aber findet man diese Männer? Das Wichtigste bei allen Leibesübungen im Jugendalter ist, die Jugend durch Sport und Turnen allmählich zu Persönlichkeiten heranzubilden. Hoske ist der Ansicht, daß die Schulmeistern endlich auf dem Sportplatz aufhören, daß die Jugend von heute vorsichtiger angefaßt werden müsse, und daß man sich bemühen sollte, herauszufinden, was in jedem Jungen und Mädchen drinsteckt und was man daraus machen kann.

Was aber soll oder wird nun werden? Professor Möckelmann glaubt, daß recht bald schon eine Revolution im deutschen Sport einsetzen wird. Die Jugend selbst wird nicht mehr mitmachen wollen, sie hat es satt, sich an ein Verbandsprogramm zu binden, sich von einer Vereinsleitung vorschreiben zu lassen, jeden Sonntag über die Mittelstrecke laufen oder ein Rundenspiel austragen zu müssen, sie wird dafür sorgen, daß der Sport sich von den materiellen und kommerziellen Bindungen löst, in die er heute verstrickt ist – oder sie wird sich von diesem Sport und seiner Organisation abwenden und in anderen Jugendbünden und Organisationen das suchen, was sie braucht. Die Jugend, so sagt Professor Möckelmann, will mit dem Sport von heute nichts mehr zu tun haben, weil sie ihn als unehrlich ansieht. Zu wünschen wäre es, der Volksdorfer Oberstudiendirektor behielte recht. Die in Barsbüttel versammelten Jugendleiter nahmen die Prophezeiung mit geteilten Gefühlen auf, aber sie stimmten mit beiden Vortragenden in der Sache völlig überein und forderten energisch, daß nun endlich etwas geschieht. Der Jugendausschuß erwies sich als das gute Gewissen des hamburgischen Sports, übte eine erstaunlich offenherzige Selbstkritik und gestand ehrlich, daß alles bislang Geleistete nur Stümperei gewesen sei. Die Tagung in Barsbüttel war ein Aufstand gegen die Allmacht der Fachverbände. Walter F. Kleffel