Heutzutage schreibt mancher Hörspiele, der ohne die Erfindung des Rundfunks nur die Wahl zwischen Drama und Roman gehabt hätte. Gustav Meyrink, der großartige Fabulierer auf den Pfaden Edgar Allan Poes, hat immerhin noch seinen "Golem" in der unvergeßbaren Inszenierung und Darstellung Paul Wegeners ansehen können. Den Rundfunk aber hat er nicht mehr gekannt. Sonst hätte es ihn gewiß gereizt, der dunklen und schreckhaften Geschichte von dem Homunculus, der alle dreißig Jahre die Seele eines Lebenden an sich zieht und mit ihrer Hilfe in übermenschlicher Kraft und List die alte Prager Judenstadt in Grausen versetzt, noch selbst die funkische Form zu geben. Denn gerade im Funk kann diese Aufhebung der Identität, diese Verrückung. der Räume und Zeiten, dieser exakte Surrealismus erst seine stärkste Wirkung üben. Die Spaltung der Person des Gemmenschneiders Athanasius Pernath in einen vorsichtigen Handwerker und einen von okkulten Mächten besessenen Vollstrecker unheimlicher Urteilssprüche gewinnt beim Hören eine Glaubhaftigkeit, die weder der gedruckte Buchstabe noch das bewegte Bild auf der Leinwand erreichen kann. Nun wurde der große Erzähler in München, seiner Heimatstadt, als Funkautor entdeckt. Friedrich Karl Kobbe, der auch die Anregung gegeben hatte, inszenierte im Bayerischen Rundfunk Martha Meuffels’ sehr funkgerechte Fassung des "Golem" – und siehe da, es zeigte sich nicht nur, daß Meyrink in der Form der alten Legende die erst heute brennend aktuellen Fragen nach der Einheit der Persönlichkeit vorweggenommen hat, sondern auch, daß seine Weltperspektive mit ihren kunstvollen Verschiebungen der Realitätsebenen eigentlich nur auf den Funk gewartet, um ihre ganze Lebendigkeit zu entfalten.

Wir werden sehen:

Freitag, 19. November, 21 Uhr:

Leo Mittlers, des in der Neuen und der Alten Welt vielerfahrenen Inszenators, erste Fernsehregie in Deutschland. Das Spiel, das er leitet, ist die Komödie "Defraudanten", die Alfred Polgar nach dem humoristischen Roman des sowjetischen Satirikers Valentin Katajew geschrieben hat.

Donnerstag, 18. November, 20 Uhr: Die Hauptszene aus Herman Wouks Drama "Meuterei auf der Caine" in der Aufführung der Münchener Kammerspiele unter Hans Schweikart. – Sonntag, 21. November, 20. 55 Uhr: Aus Berlin eine Fernsehaufführung von Max Mells "Apostelspiel".

Wir werden hören:

Donnerstag, 18. November, 23 Uhr aus München: