l. s., Berlin

In den Sommermonaten wurden in der Sowjetzone, wie andernorts auch, die neuen Stoffmuster für die Frühjahrs- und Sommermode 1955 vorgeführt. Das Zentrale Musterungsbüro Greiz legte den behördlichen Vertretern des Handels und den "Gewebedisponenten Industriekonfektion" 250 neue Druckmuster zur industriellen Verarbeitung vor. Die versammelten Experten lehnten sämtliche Dessins wegen der trüben und verwaschenen Farben und der armseligen, ideenlosen und geschmacklosen künstlerischen Gestaltung als völlig unzureichend ab. In dem Dilemma, entweder im ersten Halbjahr 1955 eine Versorgungslücke eintreten zu lassen oder aber unzureichende Musterungen in die Industriekonfektion zu übernehmen, entschied sich das "Einkaufskollektiv" des Handels dafür, wenigstens einen Teil der Stoffmuster anzunehmen. So suchte sich die Abteilung Handel und Versorgung des Ostberliner Magistrats "unter Vorbehalt" acht Muster mit 400 000 Quadrat metern zur Verarbeitung für die volkseigene Industrie Berlins aus.

Die Arbeiter der Berliner Produktionsbetriebe jedoch, denen die Angelegenheit zu Ohren gekommen war, forderten die öffentliche Ausstellung sämtlicher 250 Stoffmuster. Dies geschah. In zwei verschiedenen HO-Kaufhäusern, in Stadtmitte, und in Köpenick, wurde nacheinander die gesamte Kollektion den Berlinern zur Schau gestellt, die mit ihrer Kritik nicht zurückhielten. Die über zwanzigtausend schriftlichen Meinungsäußerungen waren fast durchweg negativ; es fielen dabei so heftige Worte wie "entsetzlich" und "eine einzige Katastrophe".

Dieses eindeutige Urteil gab den Verantwortlichen zu denken. Von den bestellten 400.000 Quadratmetern wurden 210 000 storniert und nur 190 000 übernommen. Die lebhaften Proteste bewirkten die Einberufung einer Aktivistenkonferenz in der Druckerei Frohburg, welche die Ursachen des Versagens zu ergründen suchte. Am Material, so stellte man fest, könne es nicht liegen, denn die vorwiegend verwandte Zellwolle lassesich ebensogut bedrucken wie Baumwolle oder Kunstseide. Nachdem man auch gegen die Farbstoffe nichts einzuwenden fand, entdeckte man schließlich, daß in den Produktionsplänen der Druckerei keine Zeit für das Andrucken von Mustern vorgesehen war. Um Planrückstände zu vermeiden, sparten sich die Betriebe das Andrucken von neuen Mustern, weshalb ihnen nun das Institut für Bekleidungskultur eine "kaum, zu überbietende Engstirnigkeit" vorwirft.

Am schlechtesten fährt bei der einstimmigen Ablehnung der "unmöglichen Musterkollektion 1955" das Ministerium für Leichtindustrie, dem die Ostberliner Presse "Selbstgefälligkeit auf dem Textilgebiet bis in die Spitze hinauf" bescheinigt; über das Ausmaß der Unzufriedenheit der Bevölkerung über die modische Entwicklung seien sich die Verantwortlichen im Ministerium überhaupt nicht klar gewesen. So hätten die Frauen in trübe geblümten Zellwollkleidern durch das nächste Frühjahr wandern müssen, wäre nicht die Partei rettend eingesprungen. Im Oktober gab es in-Dresden eine neue Stoffmuster-Kollektion zu sehen, und die Handelsabteilung des Ostberliner, Magistrats vermerkt dazu: "Die Vorlage neuer Muster ist auf ausdrückliche Forderung der Bezirksleitung der SED Berlin durchgeführt worden."