Wenn man die augenblickliche Außenpolitik der Moskauer Machthaber verstehen will, muß man wissen, wie es innerhalb der Sowjetunion aussieht. Steht die Masse der Bevölkerung immer noch unter dem schweren Druck, wie zu Stalins Zeiten? Kann sich die Unzufriedenheit, die zweifellos vorhanden ist, in einem Gegendruck gegen die Regierung bemerkbar machen? Wie weit ist man mit den großen Plänen der Produktionssteigerung vorangekommen? Kann man das Versprechen erfüllen, das man den russischen Arbeitern und Bauern gegeben hat, sie würden jetzt besser mit Nahrungsmitteln, Textilien, Schuhen und allen Gegenständen des täglichen Bedarfs beliefert werden? Die Rede, die der stellvertretende Ministerpräsident Maxim S. Saburow zum 37. Jahrestag der Oktoberrevolution im Moskauer Großen Theater gehalten hat, gibt hierüber aufschlußreiche Hinweise.

Daß gerade Maxim S. Saburow mit der bedeutenden Ansprache zum Revolutionsjahrestag, die der State of the Union Message des amerikanischen Präsidenten vergleichbar ist, betraut wurde, ist kein Zufall. Es beweist, daß man die "Erzeugungsschlacht" als das wichtigste Problem schlechthin betrachtet. Saburow ist Vorsitzender der Staatlichen Plankommission und trägt die Hauptverantwortung für den Erfolg des Programms, das zu gleicher Zeit die Bevölkerung reichlicher mit den Gütern des täglichen Bedarfs versorgen, die landwirtschaftliche Produktion rasch steigern und außerdem – wie Marschall N. A. Bulganin von der Höhe des Lenin-Stalin-Mausoleums verkündete – den Aufbau der Rüstung vorantreiben soll.

An dem Bericht fällt auf, wie wenig greifbare Zahlen er enthält. Meist beschränkt er sich auf vage Vergleichssätze, die schwer nachprüfbar sind. Die Industrieproduktion habe sich seit 1940 auf das 2,8fache, die der Schwerindustrie auf das 3,4fache erhöht, behauptet er etwa. Die Erzeugung von Massenbedarfsgütern werde im laufenden Jahr "beträchtlich ansteigen". Baumwoll- und Wollgewebe habe die Sowjetunion 6 bis 7 und Seidengewebe 30 Prozent mehr hergestellt als 1953 – wie ungenügend das bei dem Textilhunger der Bevölkerung ist, ist offensichtlich, selbst wenn man den hier einmal genannten Mengenangaben (5,5 Milliarden Meter Baumwollstoff, 242 Millionen Meter Wollstoff, 520 Millionen Meter Seidenstoff) Glauben schenken will. Und das ist nicht ohne weiteres ratsam, nicht weil der Minister selbst sie vielleicht korrigiert hätte, aber das Zwangssystem der Produktionsrekorde verleitet die Direktoren der Werke zu überhöhten Zahlen, die summiert oft phantastische Ergebnisse liefern.

Nur um 7 Prozent stieg die Arbeitsproduktivität der Industrie im laufenden Jahr, und das, so gestand Saburow, sei ungenügend. Mit bemerkenswerter Offenheit fügte er einige der Ursachen hinzu: schlechte Organisation, Vernachlässigung der Maschinen, schwankender Produktionsrhythmus, hohe Verwaltungskosten, Unfähigkeit, Kanzleiunwesen, Amtsschimmel und eine aufgeblähte Staatsbürokratie.

Bei der Landwirtschaft, der Saburow den weitesten Raum gab, ist man zunächst beeindrückt von den 17 Millionen Hektar Neu- und Brachland, die unter den Pflug genommen wurden, von 26 000 Getreidemähdreschern, 81 000 Lastkraftwagen, 134 000 Traktoren, die geliefert, den 150 000 Ingenieuren, Agronomen und Viehzuchtspezialisten, die aufs Land geschickt wurden – bis man das Ergebnis erfährt: Die Getreideernte wird trotz alledem nur "etwas höher" sein als im Vorjahr. Der Bestand an Kühen hat sich zwar auf 27,5 Millionen vermehrt, aber wie wenig ist das, wenn man bedenkt, daß er 1936 nach den Schlachtungen der großen Hungersnot noch immer 22 Millionen betrug. In einigen Bezirken habe das Vieh der Kollektivgüter sogar abgenommen, weil Futter und Ställe fehlten. Und für das laufende Jahr klingt die Forderung des Ministers, es müßten (im November!) "die notwendigen Futtervorräte geschaffen" werden, wenig ermutigend.

Das sind, bei aller Selbstkritik, noch die zurückhaltenden Formulierungen einer Festrede. Was sie bedeuten, wird klar genug, wenn man die Prawda verfolgte, die im letzten Jahr fast die Hälfte ihrer politischen Artikel der Landwirtschaft widmete. Der russische Bauer, das geduldigste der menschlichen Wesen, tut nicht mehr mit, wie die Regierung es wünscht. Er lebt (von ein paar Musterkolchosen abgesehen) in unvorstellbarer Armut, nichts als das erbärmlichste Dasein bleibt ihm von schwerer Arbeitslast, auf deren totaler Ausbeutung die sowjetische Wirtschaft ruht. Er lehnt sich gegen das Regime nicht auf, das seit je erbarmungslos mit ihm verfuhr, aber er leistet passiven Widerstand. Er will, wie alle Bauern, eigenes Land; so sind ihm Sozialismus und Kolchos im Grunde fremd, und darum arbeitet er ohne Freude, in Gang gehalten vornehmlich durch Zwang und Furcht. Kein Wunder, daß Leistungen und Erträge sanken, als der Terror mit Stalins Tod um ein weniges nachließ.

Und das, so scheint es, ist das Hauptproblem, dem das sowjetische Regime sich gegenübersieht, nicht nur in der Landwirtschaft, wo es am krassesten ist, sondern auch, in der Industrie. Das Eigeninteresse des einzelnen, das in der freien Wirtschaft das Getriebe in Gang hält, hat der Kommunismus entfernt – an seine Stelle trat als Motor, nicht wie die Theorie glaubte, die freudige Mitarbeit aus Gemeinsinn, sondern Zwang und Terror, Geheimpolizei, Arbeits- und Konzentrationslager, Säuberungen, Klassenjustiz, ein Millionenheer von Spitzeln und Agenten, Furcht und Mißtrauen gegenüber dem Nachbarn, die sattsam bekannten Instrumente des totalitären Staats. Stalin hatte sie entwickelt und erbarmungslos eingesetzt. Als er starb und Berija nach ihm, hörte die Schreckensherrschaft zwar nicht auf, aber sie lockerte sich ein wenig. In der prekären Zeit des Kampfes um die Nachfolge fühlten die Führenden sich unsicher, sie suchten die Massen zu gewinnen. Politisch scheint ihnen das gelungen zu sein, das Triumvirat Malenkow–Cruschtschew–Molotow sitzt im Einvernehmen mit der Armee fest genug im Sattel.