Mit den Masern fing es an. Als ich mit dieser Kinderkrankheit als Sechsjähriger im Bett lag, brachte mir mein Vater ein neumodisches Spielzeug, einen Luftschmetterling, ein propellerartiges Blechblättchen, das, mit einem Gummiband hochgeschnellt, in Spiralen langsam auf den Boden zurücksank. Ich erinnere mich jenes ersten Kindereindrucks noch sehr genau." So erzählt im Zimmer 27 der Technischen Hochschule Stuttgart der Inhaber des Lehrstuhls für Flugzeugbau: Professor Heinrich Focke. "Mein erster Versuch im Flugzeugbau endete wenig rühmlich. Ich versuchte, den Luftschmetterling nachzukonstruieren. Das Ergebnis war, eine Menge Papierschnitzel, Holzsplitter und namhafte Spuren von Gummi arabikum in meinem Krankenbett. Ermutigender war die Bekanntschaft mit den Flugprojekten Leonardo da Vincis, die mir in den Schuljahren mein älterer Bruder vermittelte."

Zwischen jenen Kindheitserlebnissen und dem Aufstieg des ersten Hubschraubers liegen annähernd vier Jahrzehnte des Forschens und Experimentierens. Am 25. Juni 1936 erhob sich der erste Helicopter der Firma Focke-Wulf in die Lüfte: er schwebte 28 Sekunden in einer Höhe von 1 1/2 Metern über dem Erdboden. Ein Jahr später startete der junge Bremer Ewald Rohlfs zu einem Überlandflug im Hubschrauber. Er legte 80 Kilometer zurück und stellte mit einer Landung aus 400 Meter Höhe mit abgestelltem Motor einen Weltrekord auf. Professor Focke hat das seinem Bremer Mitarbeiter nicht vergessen und ihn in sein Arbeitsfeld nach Brasilien nachgeholt. Er gedenkt auch heute noch der Mithilfe der Brandenburgischen Motorenwerke (heute BMW-Spandau), die damals die Triebwerke lieferten.

Ein weiterer Rekord folgte. Er wurde, da von einem Deutschen im Kriege aufgestellt, durch die Internationale Zentrale in Paris nicht registriert: 1942 stieg der Flugkapitän Bode – ebenfalls ein alter Mitarbeiter Fockes, heute Geschäftsführer der "Studiengesellschaft Hubschrauber" in Echterdingen bei Stuttgart – mit einer von der inzwischen gegründeten Gesellschaft Focke-Achgelis gebauten FA 223 auf 7100 Meter. Die international anerkannte von Hubschraubern bisher erreichte Höhe liegt noch heute bei 6830 Meter (geflogen mit dem Typ Sikorski). Die FA 223 wurde 1942, nachdem das "Dritte Reich" seine Abneigung gegen Focke überwunden hatte, in Serienauftrag gegeben. Die ersten Maschinen endeten in Laupheim, wohin das Werk Focke-Achgelis inzwischen nach einem Luftangriff evakuiert worden war. Einer der Mitarbeiter Fockes zog eine Maschine bei jenem Luftangriff aus dem brennenden Schuppen, verstaute die Konstruktionszeichnungen darin und stieg aus den Flammen senkrecht auf.

Als das Werk Laupheim verlegt werden mußte, landete Focke mit den Seinen in dem kleinen südwürttembergischen Dörfchen Ochsenhausen. Ein verspätet erteilter Auftrag auf 400 Hubschrauber stand schon im Zeichen der von Hitlers Strategengenie erdachten "Festung Alpen". Versuche mit Hubschraubereinsatz im Hochgebirge – Transport von Truppen in geringem Umfange, zerlegten Gebirgsgeschützen, Munition, Verpflegung und Verwundeten – wurden unternommen. Doch kam es nicht mehr zur praktischen Anwendung. Denn eines Tages im Mai 1945 erschien Frau Focke im Konstruktionsbüro und kündete den Besuch eines französischen Kommandos an. Eine höchst dramatische Szene beendete die Arbeit des Hubschrauberkonstrukteurs. Während noch die Franzosen nach den in Sicherheit gebrachten Konstruktionsplänen suchten, erschien ein amerikanisches Kommando mit derselben Absicht. Focke wurde gebeten, sich in den Nebenraum zu begeben. Da dieser vom Büro nur durch ein Bücherregal getrennt war, hörte Focke, wie er von den Amerikanern an die Franzosen verhökert wurde: "Nach einer längeren Unterhaltung zwischen den Amerikanern und den Franzosen, die in einen bösen Streit mit beträchtlichen Injurien überging, wurde ich wieder ins Büro gerufen, und nun wurde mir eröffnet, daß ich mich, da Ochsenhausen in den französischen Sektor falle, als französischer Gefangener zu betrachten hätte. Eine überaus gründliche Haussuchung zeitigte als Ergebnis eine Rolle, enthaltend einige unbeschriebene Bogen Zeichenpapier und mein hannoversches Ehren-Doktor-Diplom." Die restliche Beute bestand aus zwei noch intakten Maschinen –: die eine wanderte nach Frankreich, die zweite nach England. Diese wurde von einem Piloten Fockes dorthin geflogen und war der erste Hubschrauber, der den Kanal überquerte.

Professor Focke sah sich nach einigen Wochen mit der Mehrzahl seiner Mitarbeiter in Paris wieder. Erst als Gefangener, dann als "beratender Ingenieur" auf Grund eines Privatvertrages. "Wir wurden nicht schlecht behandelt und durften uns frei bewegen. Doch konnte es passieren, daß wir plötzlich aus dem Friseurladen durch ein Polizeiaufgebot als Spione herausgeholt und dann beim Polizeipräsidium wieder mit einiger Mühe herausgepaukt werden mußten." In Paris feierte Focke ein betrübliches Wiedersehen mit der letzten Maschine aus Ochsenhausen. Sie war in ihre Bestandteile zerlegt worden. Die Tätgkeit als "beratender Ingenieur", der lediglich "geholt wurde, wenn man nicht mehr weiter wußte", war unbefriedigend. Focke übersiedelte später für kurze Zeit nach England und kehrte 1948 nach Deutschland zurück.

Hier war der "Vater des Hubschraubers" nach der Währungsreform Inhaber eines Ingenieurbüros in Bremen. "Ich fabrizierte Karosserien für Autos und Autobusse, Schnellboote und" – dieses vermerkt der neue Dozent der Technischen Hochschule Stuttgart mit besonderem Vergnügen – "Kuhställe mit übergebauter Scheune im Leichtbauverfahren." Aber: "Meine Lieblingsidee, die Geschwindigkeit des Hubschraubers zu steigern, ließ mir keine Ruhe. 400 bis 500 km/Std. müssen erreicht werden". Der Plan sollte in Amsterdam bei der "Interkontinentaale Patenten" verwirklicht werden. Dort wurden neue Typen entwickelt. Zu ihrem Bau fehlten vorerst die Mittel.

Inzwischen war das brasilianische Luftfahrtministerium, das in der Luftfahrt-Versuchsanstalt unweit Sao Paolo, dem "Centro Tecnico da Aeronautica", 60 Gelehrte aus den USA und 15 anderen Ländern beschäftigt, auf Focke aufmerksam geworden. Ein Vertragsangebot folgte. So wurde das Amsterdamer Projekt von der "Intercontinentaale Patenten" an das "Centro Tecnico da Aeronautica" verkauft und Professor Focke als erster Konstrukteur dorthin berufen... "38 Grad im brasilianischen Schatten", sagte Focke, "und die Aussicht, wieder in Deutschland arbeiten zu können, machten mich dem Ruf des badischwürttembergischen Kultusministers zugänglicher, als ich ursprünglich gedacht hatte."

Professor Focke wird in den Wintersemestern – der Zeit, in der das Thermometer in Brasilien 38 Grad zeigt – in Stuttgart über praktischen Flugzeugbau lesen und im Sommer, wenn es in Brasilien kühler ist, seine dort in der Zwischenzeit durch einen Vertreter wahrgenommene Aufgabe weiterführen. A. Steiger