Die Binsenwahrheit, daß Exporte ein volkswirtschaftlich nützliches Mittel zum Erwerb von Importen sind, geht sogar kommunistischen Politökonomen ein. Das gar nicht mehr "Neue Deutschland", das zentrale Mitteilungsblatt der Pankower Einheitsapostel, belehrte dieser Tage seine linientreue Leserschaft: "Partei und Regierung wollen, daß die Bevölkerung unserer Republik auch beste, ausländische Waren kaufen kann. Auch unsere Frauen sollen sich in chinesische Seide kleiden; unsere Arbeiter sollen, wenn sie es wünschen, auch Anzüge aus ausländischen Stoffen tragen können. Dänische Butter, holländischer Spargel, französische Weine und sowjetischer Kaviar sollen den Tisch unserer Werktätigen bereichem." Ob dieser hehren Ziele also sollte alles darangesetzt werden, die Exportverträge in Menge und Qualität zu erfüllen.

Während die Leser noch damit beschäftigt waren, in leckeren Perspektiven zu schwelgen, wurden die Leser der nicht minder linientreuen "Berliner Zeitung" schon am nächsten Tag durch die ebenso kurze wie dringliche Überschrift "Exportieren!" aufgeschreckt. Man träfe bei vielen Werkleitern und Wirtschaftlern der "volkseigenen" Betriebe die Einstellung, Exportaufträge kämen im nächsten Monat auch noch zurecht. "Diese sträfliche Unterschätzung der Exporte" – so stand es dort – habe dazu geführt, daß die Sowjetzone mit ihren Verpflichtungen für dieses Jahr "gegenwärtig in einem reichlich unangenehmen Rückstand ist. Wir sind unserer Verpflichtung im Export von Kesseln und Turbinen nicht nachgekommen, wir haben die Aufträge über Kraft- und Elektromaschinen und zahlreiche andere Güter nicht erfüllt. Daß wir uns mit dieser Schlamperei ins eigene Fleisch schneiden, ist nur die eine Seite der Sache." Die andere Seite sei einmal der "ungenügende Respekt vor den Wirtschaftsplänen unserer befreundeten Länder", zum anderen schade die Nichteinhaltung der Termine gegenüber dem westlichen Ausland dem weiteren Ausbau der Handelsbeziehungen. Die Mahnung des sowjetischen Außenhandelsministers Mikojan auf dem letzten Einheitsparteitag im vergangenen Frühjahr, daß die Waren aus der Sowjetzone besser sein müßten als die aus den "kapitalistischen" Ländern, habe ganz offenbar keinen merklichen Widerhall gefunden.

Da geizen nun "die besten Freunde des deutschen Volkes" nicht mit ihren uneigennützigen Ratschlägen – sie erhalten ja nur rund die Hälfte aller Exporte aus dem Pankower Satellitenstaat –, aber die ebenso rückständigen wie offenbar noch immer hochmütigen Deutschen lassen sich von ihrem Irrglauben nun einmal nicht abbringen, daß zum Beispiel zu einer guten Exportware gutes und ausreichendes Material gehört. Als hätten sie noch niemals etwas vom genialen Lomonossow gehört! Bei solcher "Schlamperei" dürfte es noch ein ‚Weilchen dauern, bis die wohlschmeckenden Kügelchen aus Astrachan und Mossul auf die Tische der Werktätigen rollen, die nicht gerade im Pankower Regierungsviertel beheimatet sind. Aber Strafe muß schließlich sein, auch unter "Freunden". gns.