Von Gustav Stein, Bundesverband der deutschen Industrie

In diesen Tagen erscheint das von Rechtsanwalt Stein herausgegebene und von Dr. Herbert Groß und weiteren Mitarbeitern verfaßte Buch "Unternehmer in der Politik" (Econ-Verlag GmbH., Düsseldorf). Das Buch’schlägt in einer weitgespannten Analyse eine Brücke von den Alltagssorgen in den Betrieben zu einer universellen Schau der Aufgaben aller Führungskräfte, die nach einer neuen Lösung für unser gesellschaftliches Leben suchen. Es schildert, wie markante Unternehmerpersönlichkeiten von gestern und heute die Politik in ihre tägliche Verantwortung einbezogen haben. Wir bringen nachstehend das Geleitwort, in dem die Grundfragen, die sich dem Unternehmer heute stellen, umrissen werden.

Die Schrift, die ich mit Herbert Groß und anderen Freunden der Öffentlichkeit vorlege, dient einem klaren Zweck. Sie will dazu beitragen, die junge westdeutsche Demokratie in ihren Grundlagen zu festigen, um ihr das Schicksal der Weimarer Republik zu ersparen. Wir alle sind hierbei der Überzeugung, daß ein entscheidender Anteil, an einer guten Entwicklung auch dem deutschen Unternehmertum zufällt, ja, daß von seiner Bereitwilligkeit, führend in die gesellschaftliche und politische Gestaltung des Staatswesens einzugreifen, viel abhängt.

Allerdings ist es ein noch vielfach unaufgeklärter Hintergrund, vor dem diese Schrift verfaßt werden mußte. Wie kann man die Forderung der unabdingbaren persönlichen Verantwortung des Unternehmers auch im politischen Raum wirkungsvoll erheben, wenn die Geschichte seit fast hundert Jahren das Unzweckmäßige eines solchen Anspruchs beweist? Hat unsere Wirtschaft nicht am besten geblüht, wenn sich ihre Führer der Politik am weitesten fernhielten? Liegt nicht eine bestechende Ähnlichkeit zwischen den Gründerjahren nach 1870 und den Jahren nach 1948? Damals industrialisierte, handelte und arbeitete man im Schatten des großen Kanzlers, dem das neugegründete Kaisertum einen hohen Glanz verlieh. In der Führung des Reiches waltete er autoritär und stützte sich auf eine aristokratische und aus dem guten Bürgertum entwickelte repräsentative Schicht im Parlament. Hat sich nicht ähnliches nach 1948 in Deutschland begeben? Hat sich nicht im Schatten der Militärregierung, zugleich aber auch im Banne einer überragenden politischen Persönlichkeit der politische Weg um so erfolgreicher gestaltet, je weniger sich die Wirtschaft um seine Betonierung bemühte? War nicht die Politik eine Sache der Alliierten und der in ihrem Schoße langsam wieder an Autorität gewinnenden deutschen Regierung? Bestand nicht gerade das Wesen der politischen Entwicklung darin, daß der Staat von sich aus nach Ludwig Erhards Rat seinen Einfluß auf die Wirtschaft immer mehr abbaute? Folgte dem Rückzug des Staates aus der Wirtschaft nicht ein ungeahnter materieller Wohlstand? Liegt es nicht vielen Wirtschaftlern nahe, diesen Wohlstand dankbar damit zu quittieren, daß man den Rückzug des Staates aus der Wirtschaft mit einem Rückzug der Wirtschaft aus der Politik vergilt?

Der advocatus diaboli für eine solche in der Wirtschaft unzweifelhaft populäre Einstellung hätte an politischen Beispielen noch manche, Trumpfkarte in der Hand: sobald sich in der Geschichte der letzten fünfzig Jahre Unternehmer aktiv in die Politik begaben, war der Erfolg bescheiden, meist: ausgesprochen schlecht. Die Weimarer Republik bietet in Inflation und Ruhrkampf, in der Welle der Auslandsanleihen und des wirtschaftlichen Zusammenbruchs eine Fülle wenig ermunternder Beispiele ...

Das Jahr 1933 brachte auch hier eine Zäsur. Die Wirtschaft als politischer Faktor wurde liquidiert. Gleichermaßen wurden die Gewerkschaften zerschlagen. Zwar rauchten im Zuge der Wiederaufrüstung die Schlote bald wieder. Aber 1945 mußte schließlich auch der advocatus diaboli resignieren.

Das feststehende Ergebnis des zweiten Weltkrieges ist jedenfalls, daß keine Schichten aus früheren Ordnungen, mehr vorhanden sind, die zur politischen Führung gesellschaftlich prädestiniert sind. Der politische Rahmen, in dem die Wirtschaft als gesellschaftsbildende Kraft blühen soll, muß erst gezimmert werden. Wer soll das tun? Winfried Martini spricht vom überforderten Wähler, Max Scheeler von der "Stimmungs-Demokratie"; andere vom Sieg der Unvernünftigen, in welche die ehemals so repräsentative und aristokratische Demokratie umgeschlagen sei. Deshalb wird der Unternehmen künftig mehr sein müssen als der degradierte, unpolitische, aber in der Geschicklichkeit anerkannte Marketender der Politiker, zukünftiger Diktatoren oder Heerführer.