München, Ende November

Den bayerischen Wahlkampf stellt eine Münchener Zeitung unter dem Bild eines ebenso friedfertigen wie müden Stiers dar, den die parteilichen Toreros vergeblich auf "Touren" zu bringen suchen. Worüber sollte man sich auch ereifern? Vier Jahre lang sind die beiden Großen, CSU und SPD, Hand in Hand durch Höhen und Tiefen der bayerischen Politik geschritten – was könnten sie einander vorwerfen, das nicht beide zu verantworten hätten? Das gilt für die kürzlichen weiß-blauen Skandalfälle, also läßt man sie schlummern. Die bayerische Kulturpolitik war schon ein heißeres Eisen, denn darin gehen die Meinungen wirklich auseinander, und mehr als einmal in den letzten vier Jahren wäre die große Koalition fast über der Frage zerbrochen, ob Bayern die Konfessions- oder Gemeinschaftsschule haben und ob seine Lehrer nach Bekenntnissen getrennt ausgebildet werden sollten. Aber auch das hat man, um den Frieden in der alternden Ehe nicht zu stören, im Wahlkampf ruhen lassen. So geht man wohl nicht fehl in der Annahme, daß sich beide Partner nicht ungern auf weitere vier Jahre der Gemeinschaft einrichten möchten. Schließlich ist es ein bequemes Regieren wenn man die ganze Last der Opposition der FDP und den kleineren Parteien überlassen und sich in der Sicherheit wiegen kann, es werde nichts Ernstliches passieren, weil jede wirksame Kontrolle daran scheitert, daß sie im Landtag in der hoffnungslosen Minderheit sind.

Übrigens ist die Wahl auch für den Bund interessant, und das ist wohl der Grund, daß sich eine Reihe Bonner Persönlichkeiten in den Kampf gestürzt haben. Das größte Ereignis dürfte wiederum, drei Tage vor der Wahl, die Rede Dr. Adenauers sein. Bayerns fünf Stimmen im Bundesrat gaben, da die CSU stärkste Partei war, der Bonner’ Koalition die Zweidrittelmehrheit. Sie würde sich zur einfachen reduzieren, sollte die SPD die CSU verdrängen. Die Gefahr ist allerdings nicht groß, wenn man der Voraussage des Emnid-Instituts glauben darf. Es versprach im September der CSU 39 v. H. der Stimmen, der SPD 27, BHE 13, FDP 9 und der Bayernpartei 8 v. H. Behält der Test recht, so könnte man eine Regierung ohne SPD nach Bonner Muster erwarten, und als Ministerpräsidenten stünden Wirtschaftsminister Seidel, Landtagspräsident Hundhammer, Putz Schäffer oder Franz Joseph Strauß und gegebenenfalls Josef Müller, der unverwüstliche Ochsensepp, zur Auswahl.

12 Parteien haben sich gestellt, aber nur fünf haben begründete Aussicht, die nötigen 10 v. H. in wenigstens einem Wahlkreis zu erreichen. Die ‚FDP ist sicher, daß es ihr gelingen wird. Die Bayernpartei, sich selbst getreu, versucht es mit der Parole, sie jedenfalls habe es nicht nötig, norddeutsche Redner zu importieren, um die "doofen Bayern" zu belehren. v. Z.

Wiesbaden, Ende November

Die Hessenwahl ist in viel stärkerem Maße repräsentativ für die Bundesrepublik, als die am gleichen Tage stattfindende bayerische Landtagswahl. Denn Hessens wirtschaftliche Struktur, seine Einwohnerdichte und Steuerkraft entsprechen recht genau dem Durchschnitt der neun Bundesländer.

Parteipolitisch gesehen ist Hessen jedoch kein "Durchschnittsland". Die SPD hat hier mit 48 von 80 Sitzen die absolute Mehrheit im Landtag – sie wurde allerdings 1950 mit einem Mischwahlsystem mit starkem Mehrheitswahleinschlag erreicht, das die stärkste Partei begünstigte. Diesmal werden die Wählerstimmen auf Grund des neuen Wahlgesetzes nach einer nur oberflächlich getarnten Verhältniswahl gewogen, dem die sozialdemokratische Landtagsmehrheit zustimmte, nachdem die Opposition mit einem Bündnis nach dem Vorbild des "Hamburg-Blocks" gedroht hatte.