Zu Kazantzakis: Freiheit oder Tod

Als Wolf schuf mich Gott und ich fraß Lämmer. Hätte er mich als Lamm geschaffen, hätte mich der Wolf gefressen, mit gutem Recht. So verlangt es die Ordnung. Habe ich Schuld? Schuld hat, wer Wölfe und Lämmer schuf." So antwortet ein uralter Seeräuber einem sterbenden kretischen Bauernkönig auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, in dem neuen Roman von

Niko Kazantzakis "Freiheit oder Tod", F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, Berlin-Grunewald, 485 S., Leinen 14,80 DM.

Nun sind es vier große Prosadichtungen, mit denen der fast Siebzigjährige sich der lebenden Romanciers von Weltgeltung zugesellt hat. Wieder ist Kreta, wo Kazantzakis geboren wurde, der Schauplatz, eine Insel, auf der heute noch Menschen leben, wie jener Seeräuber, der von sich sagt, daß ihm ohne Zähne, ohne Haare und mit müdem Blut nichts übrigbleibt, als Mensch zu spielen; der von Gott sagt, er sei der größte Wolf, denn er fresse Wölfe und Lämmer. Das ist ein Menschenschlag, der sich noch nicht an Seelenanalyse und philosophische Systeme klammern muß, um sich und die Welt zu verstehen.

Warum schildert ein intellektueller Europäer, der bis zu seinem vierunddreißigsten Lebensjahr Jurist war, bevor er die Schriftstellerei entdeckte, geisteswissenschaftliche Essays, Reisebücher, Dramen und Romane schrieb und Dante, Shakespeare, Lorca und Goethe in seine Muttersprache übersetzte, warum schildert er Menschen, die noch die Urgewalt des Lebens in sich haben? Doch wohl darum, weil er mit ihnen uns unsere Blässe, geistige Blutarmut und ängstliche Lebendigkeit vor Augen halten will.

Im letzten bleibt es belanglos, daß sich hier menschliches Denken und Handeln an einem der vielen regellosen Aufstände der kretischen, christlichen Bevölkerung gegen die mohammedanische, türkische Herrschaft zum Ende des vorigen Jahrhunderts entzündet. Dieses Faktum ließe sich durch jedes andere ersetzen, bei dem Gegensätze Leidenschaften und Haß in männliche Kraft, Todesmut und unbeugsamen Willen zur Freiheit verwandeln. Kazantzakis führt diese Konzeption in drei Schichten durch: Einmal im religösen und völkischen Gegeneinander, dann im Kontrast des Geistigen zum Animalischen und endlich im Zwiespalt der Empfindungen in der eigenen Brust. Alle drei Schichten verschmelzen sich in der Hauptfigur des Romans.

Der Mann heißt Käpten Michel und ist die Seele des Aufstandes. Ein Hüne von Gestalt, ein kraftvoller Eber, ein Felsblock ohne weiche Stelle, ein Berserker der Freiheit. Als er am Ende der Erzählung den mutigen Tod im Kampf gegen die Übermacht stirbt, da ist er eigentlich drei Tode gestorben –: Einen vergeblichen für die Freiheit seines Volkes, denn es wird nicht frei; einen glücklichen in der Erkenntnis, daß auch der Mann des Geistes ein Held sein kann, denn er hat den ob seiner Bildung bisher verachteten Neffen neben sich sterben sehen; und einen sühnenden für den Verrat in seiner eigenen Brust, denn er war um der Liebe zu eiier Türkin willen im entscheidenden Augenblick der Liebe zum Gott und zur Erde seiner Heimat untreu gewesen.