Von Walter Kirchner

Walter Kirchner studierte Naturwissenschaft und Philosophie und lebt heute als wissenschaftlichen Assistent in Berlin. Er hat bisher noch keine literarischen Arbeiten veröffentlicht.

Wissen Sie, daß ich mich schäme?" fragte sie, als sie mir ihr Erlebnis erzählte. Es was zu bemerken, daß das nicht nur eine Redewendung war. Ihr Blick ging zu Boden, ihre Stimme wurde verhaltener. "Seine Augen waren so groß und so dunkel, sie schauten mich gleich so an – ich glaube, er hat sofort gewußt, daß ich feige bin." Sie blickte auf und schien mich zum Richter machen zu wollen: "Man muß es doch so nennen, wenn man einen Menschen verrät?"

Dabei war alles nur eine Bagatelle gewesen. Wenn man bedenkt, daß in einer Hafenstadt wie Hamburg an jedem Tag Hunderttausende von Menschenwegen sich kreuzen, aufeinanderstoßen und auseinandergehen, dann muß man zur Überzeugung kommen, daß an der ganzen Sache nichts Außergewöhnliches ist. Allerdings – wer weiß zu sagen, ob nicht an jedem dieser Knotenpunkte ein Rest stehenbleibt, ein Wort der Gemeinsamkeit oder – eine Geste des Verrats. Und wer kann ermessen, welches Gewicht ein solches Wort, eine solche Geste in einem Menschenleben haben!

"Mir kommen täglich Tausende von Stimmen ans Ohr", begann sie ihren Bericht. "Wenn man in einer Telephonzentrale Dienst tut, bedeuten einem der Klang, die Tonlage, das Persönliche einer Stimme nichts mehr. Dabei habe ich einmal gehört, daß sich fur den Kenner schon in der Stimme eines Menschen dessen Charakter offenbart. Aber es ist wohl so, daß die Gewohnheit Mauern um unsere Sinne baut. Wenn ich an meine Kindheit denke, erinnere ich mich, daß ich immer eine Scheu, man kann vielleicht sogar sagen: eine Art Angst vor dem schwarzen Kasten mit der Nummernscheibe gehabt habe. Ob es eine unbewußte Abneigung dagegen war, die menschliche Stimme, die eben wohl mehr ist als ein Werkzeug, von einem Mechanismus vergewaltigt und abgetrennt zu sehen von der Person, deren Ausdruck sie ist? Es hat doch etwas Unheimliches! Wer kann wissen, wieviel Einsicht uns verloren gegangen ist seit unserer Kinderzeit ... Später, in der Ausbildung, als mir jener schwarze Kasten dann allmählich zum Requisit meines Berufes werden mußte, habe ich mir manchmal zu einer Stimme, wenn sie mir auffiel, eine Person vorgestellt und vielleicht auch ein Leben und einen Schicksalsmoment dazu ausgemalt: dieser Mann stand davor, eine Entscheidung fällen, jener Frau stand bevor, sie zu empfangen. Mich selbst sah ich dabei wie eine Spinne im Netz sitzen und die Fäden miteinander verknüpfen. Daß es nur die Kabelenden einer Telephonleitung waren, störte mich damals nicht: ich glaubte, das Schicksal zu sein, und war doch nur sein Instrument – bestenfalls." Sie lächelte wie zur Entschuldigung: "Sie wissen, daß ich ein verträumtes Mädchen war!"

"Man könnte der Meinung sein", fuhr sie fort, "daß das alles mit meinem Erlebnis, daß ich Ihnen erzählen will, nichts zu tun hat. Auf den ersten Blick muß das auch so scheinen, aber wenn ich mir das Ganze noch einmal überlege, dann möchte ich doch glauben, daß es bei der Erklärung meiner Handlungsweise mitspricht – mindestens bei der Erklärung dafür, weshalb ich überhaupt seiner Aufforderung gefolgt bin, ihn in der Hotelhalle aufzusuchen. Sie wissen, daß ich nicht abenteuersüchtig bin; Sie kennen mich lange und gut genug. Ich habe meine Arbeit, ich habe mein Heim, und ich habe nie bereut, unverheiratet geblieben zu sein. Ich muß auch ehrlich gestehen, daß ich mir nachher Vorwürfe gemacht habe. Aber damals hatte ich nicht die leisesten Bedenken.

Ich kannte seine Stimme – das war das Besondere. Wieviel tausend andere klingen Tag für Tag an mein Ohr! Keine von ihnen sagt mir mehr etwas. Man könnte sogar sagen, sie dringen kaum mehr in mein Bewußtsein vor; man verbindet mechanisch mit dem gewünschten Anschluß. Aber diese Stimme stach unter Tausenden hervor. Nicht, daß es irgend etwas Besonderes war, was sie erbat – es waren dieselben gleichgültigen Worte, die ich tausendfach höre: Fräulein, bitte verbinden Sie... Es war auch nicht die Tatsache, daß er das Deutsche mit einem ungewöhnlichen Akzent sprach; in einer Stadt wie Hamburg und für eine Zentrale wie die unsere liegt darin nichts Erstaunliches. Es war seine Stimme selbst – dunkel, wohlklingend und von unaussprechliche! Wärme. Wenn ich es mir nachträglich überlege finde ich es genau so kindisch, wie Sie es findet müssen: ich knüpfte wieder meine, seit langen: doch von der Alltäglichkeit verschütteten Mädchenträumereien an seine Stimme. Ja – von Ihner weiß ich, daß Sie nicht über mich lächeln Werder – ich wartete mit Ungeduld auf seinen täglicher Anruf, und wenn er einmal ausblieb, verfolgte mich eine unbekannte Nervosität, die ich mir freilich nicht eingestand." Sie errötete – kaum eine Sekunde lang. Wie um es wegzuwischen, beeilte sie sich, auf ihren Bericht zurückzukommen.