Von Walter Abendrots

Die ganze Geschichte des Abendlandes steht, solange und soweit in ihm das Christentum eine ernst genommene wirkliche Lebensmacht ist, unter dem Zeichen der Spannung zwischen den Erfordernissen einer haltbaren Weltordnung und denen eines religiösen Auftrags, der mit der Bejahung der christlichen Lehre gegeben ist. Das Problem "Staat und, Religion" besteht als solches eigentlich erst seit der Verbreitung und dem Aufstieg dieser Lehre, deren Kern durchaus metaphysischer Art ist, die aber dennoch eine allgemeine und persönliche Verpflichtung zur kompromißlosen sittlichen Durchgestaltung des gesamten Daseins enthält. Es geht zuletzt um die Vereinbarkeit der beiden Gebote des Christus-Wortes: "Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist."

Solange in Rom der Kaiser nach seinem Tode unter die Götter versetzt wurde oder gar schon zu Lebzeiten göttliche Ehren beanspruchte solange überhaupt die römischen Götter mit den Ordnungsgedanken und den Interessen des Staatswesens engstens verbunden waren, konnte er keinen ernsten Zwiespalt zwischen religiösem und staatsbürgerlichem Verhalten geben. Es gab nur Staatsgötter, und ein Gott oberhalb aller Grenzen und Länder trat kaum in das geistige Blickfeld des antiken Menschen. So erklärt es sich, daß selbst eine so menschlich vollendete Erscheinung wie der große stoische Philosoph auf dem Kaiserthron, Marc Aurel, in der grausamen Christenverfolgung ein gutes, weil unumgängliches Werk sehen mußte, obwohl die angeborene tiefe Güte dieses Mannes, sein unablässiges Streben nach Gerechtigkeit, seine staunenswerte sittliche Selbstzucht inmitten einer verderbten Umwelt ihn mit den Idealen und Zielen der jungen Christengemeinde hätten verbinden sollen. Im ohnehin tragischen Gesamtbild seines Lebenslaufes bildet dieser Widerspruch vielleicht den Punkt der größten, der überpersönlich-geschichtlichen Tragik: durch diesen Widerspruch ward er zu einer Gestalt der untergehenden Welt, während er vielleicht eine tragende Kraft des aufsteigenden Zeitalters hätte werden können. Allein zu sehr waren ihm die alten Götter Inbegriff der Staatsordnung – somit die neue Religion ein Element des Aufruhrs, der Zerstörung. War es doch faktisch die Religion der Enterbten, der Sklaven, der Unterdrückten und der Unzufriedenen.

In hinreißender Darstellung bietet sich dem Leser dieses geistes- und weltgeschichtliche Situationspanorama in dem Buche:

Walter Görlitz: "Marc Aurel – Kaiser und Philosoph" Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart. 290 S., 12,50 DM.

Es ist ein biographisches Meisterwerk, das mit den nüchternen Mitteln sachlicher Beschreibung ein ebenso erregendes wie ergreifendes Denkmal persönlicher Größe und Einsamkeit vor dem buntfarbigen Hintergrund einer Epoche umwälzender Entscheidungen und gärender Auflösungen errichtet.

Schon hier wird neben der Gegensätzlichkeit zwischen christlicher Transzendenz (im Diesseitigen weltbürgerlich akzentuiert) und Staatsraison auch die Beziehung der Religion der Liebe und der Armut zu den Kräften sozialer Auflehnung sichtbar. Es soll noch deutlicher hervortreten gegen Ende des Mittelalters, dessen Inhalt ja der Versuch einer theokratischen Weltordnung christlichen Geistes war. Eine andere Biographie versetzt uns in dieses spätere Stadium des "Kaiser-Gott"-Problems: