Von Christian E. Lewalter

Noch bei der "Norddeutschen Erstaufführung" des Theaterstücks, das Herman Wouk selbst nach seinem so unerhört erfolgreichen Roman "The Caine Mutiny" geschrieben hat (es heißt im amerikanischen Original "The Caine Mutiny Court-Martial", also: "Die Kriegsgerichtsverhandlung über die Meuterei auf der ‚Caine‘"), gab es des öfteren Abgangsapplause für Darsteller. Bei den späteren Vorstellungen dagegen nahm das Publikum leidenschaftlich Partei für oder gegen Personen des Stücks. Es vergaß, daß vor ihm auf der Bühne des Hamburger Thalia-Theaters Schauspieler agierten, und glaubte, in die Verhandlung unmittelbar einbezogen zu sein. Bisweilen war sogar seine Anteilnahme so lebhaft, daß ein Beobachter fast erwarten konnte, der Vorsitzende des Kriegsgerichts müsse im nächsten Augenblick eingreifen und androhen, er werde den Zuschauerraum räumen lassen, wenn die Kundgebungen nicht aufhörten. Aber nein, das wäre ja nicht gegangen! Die Zuschauer hatten ihre Plätze bezahlt, der Vorsitzende spielte nur den Vorsitzenden, und die ganze Kriegsgerichtsverhandlung war "nur" Theater!

Die Aufhebung der Rampe und die Herstellung der täuschenden Lebensähnlichkeit war in diesem Fall vom Autor ausdrücklich beabsichtigt und von dem ausgezeichneten Regisseur Leo Mittler mit genauer Konsequenz "in Szene gesetzt" – so konsequent, daß er sogar den Theatervorhang vor Beginn offen ließ und dadurch das Moment der Entrückung ausschaltete, das sonst mit dem ersten Blick vom dunklen Raum auf die erleuchtete Bühne gegeben ist. So war der Abstand zu den dargestellten Vorgängen auf ein Minimum verringert, und die Illusion, "dabei" zu sein, konnte fast vollkommen werden.

So ein perfekter Naturalismus kann ein technischer Trick sein. Hier aber hatte er zugleich künstlerische und moralische Bedeutung. Der Zuschauer soll sich, wenn er die Verhandlung über die Meuterei auf der "Caine" miterlebt, nicht in die angenehm tröstliche Einbildung wiegen, es werde ihm "nur was vorgespielt", sondern er soll sich rechtschaffen an der Frage zergrübeln: was hättest du an der Stelle des Angeklagten getan? Hättest du auch den offenbar unzurechnungsfähigen Kapitän abgesetzt, oder hättest du, streng nach dem Reglement, seine katastrophalen Befehle befolgt, um nur ja keine Anklage wegen Meuterei zu riskieren? So rückt die Frage nach den Grenzen der militärischen Gehorsamspflicht auf jeden Zuschauer mit der Wucht einer persönlichen Entscheidungsfrage zu; er kann einfach gar nicht anders als sich direkt "getroffen", das heißt: zu einer verbindlichen Antwort aufgerufen fühlen.

Das ist der moralische Aspekt dieser konsequenten Dramaturgie der Illusion. Er ist aber, im Fall von Wouks Stück, zugleich ein künstlerischer, weil Wouk keine allgemeine These daraus entwickelt, sondern das Gehorsamsproblem in eine andere, nicht mehr mit Thesen zu erfassende Dimension erhebt. Der Offizialverteidiger in seinem Stück, der jüdische Jurist und kriegsfreiwillige Flieger Barney Greenwald, plädiert aus voller Überzeugung für die Unschuld des Angeklagten – doch nur deswegen, weil (wie er im Roman sagt) "der verkehrte Mann vor dem Richter gestanden hat". Der Schuldige – nicht juristisch, auch nicht militärisch, sondern menschlich Schuldige – ist der Zweite Offizier der "Caine", Thomas Keefer, ein Intellektueller, Romancier und Dilettant in Psychiatrie. Er hätte, als geistiger Mensch, die moralische Pflicht gehabt, dem neurotischen, geistig beschränkten Kapitän kameradschaftlich beizustehen. Dann hätte dieser vielleicht (aber wie schwer wiegt dies Vielleicht!) die Nervenkrise während des Taifuns überstanden und keine unsinnigen Befehle gegeben. "Deswegen werde ich jetzt Ihre Fresserei nicht mitmachen, Mr. Keefer, und Ihren Sekt nicht trinken!" Und er schüttet dem Dünkelhaften den Inhalt seines Sektglases ins Gesicht.

Tun wir je genug für unseren Mitmenschen? Haben wir je das Recht, über einen, der versagt, den Stab zu brechen? Diese Frage, die mehr ist als nur eine moralische Frage, möchte Wouk dem Zuschauer ans Gewissen legen. Ob die Zuschauer bis zu ihr vordringen konnten? Man muß es bezweifeln. Denn gerade die glänzende Dramaturgie der Gerichtsverhandlung hat hier eine kapitale Schwäche: sie kann Kapitänleutnant Queeg, den Neurotiker, nur als gebrochenen Menschen zeigen. Der Roman (und auch der Film) von der "Caine Mutiny" lassen ihn im Zustand der Hilfsbedürftigkeit sehen, wo die Hilfe eines charakterlich Stärkeren ihm noch nützen könnte. Auf dem Theater dagegen hat der brillante Dramaturg Wouk dem humanistischen Dichter Wouk denn doch ziemlich arg im Licht gestanden, und die lebhafte öffentliche Diskussion über sein Stück bewegt sich nicht ohne seine Mitschuld bei uns fast ausschließlich um den toten Punkt des Problems, ob für den Soldaten der Satz "Befehl ist Befehl!" zu gelten habe oder nicht.

Damit offenbart sich aber auch eine Grenze des konsequent naturalistischen Theaters, sofern es an ein inneres Mithandeln des Zuschauers apelliert. Über den Horizont einer konkreten Einzelfrage hinaus, die zur praktischen Lösung ansteht, darf es wohl den Zuschauer nicht in Anspruch nehmen, ohne ihn zugleich zu überfordern und unterzuernähren. Es täuscht ihm die Eindeutigkeit von Entscheidungen vor. Das Leben ist aber vieldeutig und kann daher auf der Bühne nur im Gleichnis, so gespiegelt werden, daß der Zuschauer es wiedererkennt.