E. A. G., Brüssel, im November

Der Belgier, von Haus aus schon allen materiellen Freuden zugänglich, hat sich nach dem Kriege an einen relativ hohen Lebensstandard gewohnt, Man kennt den Kummer der belgischen Wirtschaft: die hohen Löhne, die dementsprechend hohen Produktionskosten, die hohen Preise, die dadurch erschwerte Wettbewerbslage und die Absatzsorgen auf den Außenmärkten. Der Ausländer, der mit seiner umgewechselten Währung nach Belgien kommt, muß für alles, was er hier ersteht und genießt, im Durchschnitt 30 v. H. mehr zahlen als daheim. Dem Belgier selbst machen die hohen Preise an sich wenig aus: er verdient ja entsprechend. Gewiß macht er sich gern die niedrigen Preise in den Nachbarländern zunutze; er fährt übers Wochenende nach Aachen oder Rotterdam, um dort ausgiebig einzukaufen. Doch kann dieser Brauch nicht zum Maßstab genommen werden.

Als Maßstab kann eher schon die Tatsache dienen, der Kleinhandelsindex in Belgien um 420 herumpendelt (1936/38 = 100), während sich der Lohnindex zwischen 470 und 480 bewegt. Die Löhne sind also gegenüber der Vorkriegszeit weit mehr gestiegen als die Preise, eine Tatsache, die man nicht in allen Ländern Europas feststellen kann. Der Belgier, kann sich demnach mehr leisten als früher und hat also gewissermaßen heute mehr vom Leben, wenn man die Angelegenheit von der rein materiellen und wirtschaftlichen Seite ter betrachtet. Leider bestehen zur einwandfreien und stichhaltigen Beantwortung der Frage, wie der Durchschnittsbelgier heute lebt, keine Unterlagen aus allerletzter Zeit. Anhaltspunkte bieten eigentlich nur zwei Untersuchungen: eine amtliche aus 1929 und eine private, die der Brüsseler Universitätsprofessor Dr. Jacquemijns 1949 durchführe. Immerhin ist ein Vergleich zwischen diesen beiden Jahren recht aufschlußreich, zumal sich seit 1949 in der belgischen Lebenshaltung grundsätzlich kaum etwas geändert hat, es sei denn, daß die Löhne inzwischen wiederholt erhöht worden sind und die Preise ihren Wettlauf mit den Löhnen fortgesetzt haben (oder umgekehrt, wenn man will).

Das durchschnittliche Jahreseinkommen eines belgischen Arbeiterhaushaltes betrug 1949 74729 bfrs. (etwa 6 227 DM). Dieser Durchschnitt errechnete sich wiederum aus dem durchschnittlichen Arbeitereinkommen in der Lütticher Gegend (100216 bfrs.) in Gent (61 175 bfrs.) und in Brüssel (80957 bfrs). Der Arbeiter in der belgischen Hauptstadt gehört also keineswegs zu den bestentlöhnten. In den Zechen und Stahlwerken Lüttichs verdient er etwa 20 v. H. mehr. In Prozenten ausgedrückt gibt der Belgier heute fürs Essen und Trinken anscheinend weniger aus als vor dem Kriege (– 12,79 v. H.). Doch ist diese Entwicklung durchaus einleuchtend, denn eine (auch in Deutschland gemachte) Erfahrung lehrt, daß man relativ weniger für seine Ernährung ausgibt, je mehr man verdient. Dafür erhöhen sich die Qualitätsansprüche hinsichtlich der Ernährung, wobei die höheren Preise durch geringere Mengen ausgeglichen werden. Immerhin beträgtallein der Butterverbrauch in Belgien 11,5 kg je Kopf im Jahr. Daß der belgische Arbeiter 1949 für seine Wohnungsmiete nur 6,51 v. H. seines Einkommens ausgab, erklärt sich daraus, daß damals die Wohnungsmieten gesetzlich nicht mehr als 170 v. H. der Friedensmiete betragen durften. Inzwischen sind aber die Mieten bis auf 200 und 250 v. H. gestiegen und betragen für eine Arbeiterwohnung 800–1500 bfrs (67–125 DM). Daß der Posten "Geistige Interessen, Sozialverpflichtungen usw." gleich von 9,9 v. H. auf 18,99 v. H. angewachsen ist, erklärt sich aus der besseren Schul- und Fachbildung gegenüber 1929. Der belgische Arbeiter hat es also heute entschieden besser als vor dem Kriege, allerdings zahlt er dafür auch 3 v. H. mehr Steuern als 1929 ...

Fast möchte es einen – wenn man die Lage in anderen Ländern zum Vergleich heranzieht – überraschen, daß sich in Belgien auch der Intellektuelle, der Akademiker und Angehörige des freien Berufes, im allgemeinen recht günstig steht. Gewiß gibt es selbst in Belgien relative Schattenseiten: so ist etwa der Beruf eines Rechtsanwaltes stark überfüllt, ein junger Jurist verdient (zumindest in der ersten Zeit seiner Laufbahn) kaum mehr als ein gelernter Arbeiter. Gute Einnahmen verzeichnet hingegen in Belgien ein Arzt. Sein Durchschnittseinkommen im Jahr kann auf 225 000 bfrs netto (18 750 DM) beziffert werden. Der Ärzteberut kennt in Belgien auch keine Überfüllung.

Junge Akademiker bevorzugen heute in Belgien übrigens Stellungen im Vertragsverhältnis, um dem Risiko des frei ausgeübten Berufes zu entgehen. Außerdem locken die hohen Gehälter, die in Belgien in führenden Stellungen bezogen werden können. So betätigt sich der junge Jurist etwa als Rechtsberater einer Firma, der junge Ökonom als Mitarbeiter eines Bankhauses. Gesucht sind auch Stellungen als Abteilungschef eines Warenhauses, wenn nicht die höhere Beamtenlaufbahn eingeschlagen wird. Der belgische Staat ist kein kleinlicher Brotherr, er läßt seine Diener anständig verdienen. So bezieht ein Verwaltungssekretär als Anfangsgehalt 114 000 bfrs (9 500 DM), um es nach entsprechenden Dienstjahren bis auf 180 000 bfrs (oder 15 000 DM) zu bringen. Ein staatlich angestellter Ingenieur bekommt 120 000 bis 204 000 bfrs, ein Veterinärinspektor 127000 bis 204 000 bfrs; und (um auch einige "Spitzen" zu nennen): ein Generaldirektor (etwa bei einem Ministerium) erhält 256000 bis 316000 bfrs, ein Generalsekretär 290 000 bis 350 000 bfrs.