Bankreihen über Bankreihen stehen in der Bahnhofsvorhalle von Krakau. Wer hierher kommt, um zu verreisen oder jemanden abzuholen, muß Zeit mitbringen. Von hundert ein- oder auslaufenden Zügen sind nicht zehn pünktlich. Nach Warschau, Lemberg, Lodz oder Posen muß man von vornherein drei bis fünf Stunden Verspätung "einplanen"; sogar die Vorort- oder Kurzzüge nach Oberschlesien tun es nicht unter zwei Stunden Verspätung.

In der von Transparenten übersäten Halle findet man einen kleinen handgeschriebenen Zettel: "Besucht die Wallfahrtskirche von Tschenstochau!" Daneben aber hängt ein überdimensionales antireligiöses Propagandaplakat, das in schreiendem Vierfarbendruck einen Priester mit wehender Soutane zeigt. Unter seinem Amtskleid hält er Pistole, Messer, Geldsäcke mit dem Dollarzeichen und eine Giftspritze verborgen. In der anderen Hand hält er die Bibel, während er mit den Füßen einem sieghaft lächelnden Aktivisten ein Bein stellt.

Überall in der Stadt sieht man derartige Bilder oder vielmehr ihre Reste. Denn die glaubenstreuen Krakauer Bürger nehmen jede Gelegenheit wahr, solche Plakate abzureißen oder zu übermalen.

Auch das kulturelle Leben Krakaus hat sich natürlich seit der kommunistischen Herrschaft gewandelt. Veranstaltungen von Niveau selten, aber sehr begehrt. So konnte das "Rhapsodische Theater" über 400 Aufführungen von "Eugen Onegin" verzeichnen. Das "Satirische Theater" allerdings existiert wegen seiner eindeutig prokommunistischen Tendenz nur mit Zuschüssen. Man ist gezwungen, das immer leer bleibende Haus durch kostenlose Vorstellungen, für Gewerkschaftsmitglieder zu füllen. An den Anschlagsäulen findet man folgende Ankündigungen: "Ilja Golowin" von Michalkow, "Morgendämmerung über Moskau" von Surow, "Das unvergeßliche Jahr 1919" von Wischniewski und "Der Panzerzug" von W. Swanow. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß das Auftreten des Ostberliner "Ensemble-Theaters" unter Bertold Brecht im Mai 1954 noch heute gerühmt wird. Man spielte Heinrich von Kleists "Zerbrochenen Krug", "Die Mutter" von Gorki und Brechts "Mutter Courage". Es wurde ein Erfolg, weil auf der Bühne deutsch gesprochen wurde. Von weither kamen Deutsche, sogenannte Optanten – und Polen. Genosse Brecht hat freilich nicht begriffen, daß der Beifall nicht ihm galt.

Die jetzt bestehenden zehn Hochschulen im Akademieviertel Krakaus sind kommunistische Hochburgen erster Ordnung. Alle Immatrikulierten sind in den 14 großen Studentenkasernen untergebracht, die unter Kontrolle des Polnischen Staatssicherheitsdienstes UB (Urzad Bezpieczenstwo) stehen.

Maschinenbau, Metallurgie, Chemie, Industrie und Bauwesen haben die größten Hörerzahlen. An zweiter Stelle folgen die gesellschaftspolitischen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweige. Wer am Ende des Jahres die obligatorische Zwischenprüfung in Marxismus-Leninismus, Politischer Ökonomie und im dialektischen und historischen Materialismus nicht erfolgreich besteht, wird von der Hochschule verwiesen. Dasselbe gilt für schlechte Noten im Russisch-Unterricht.

Das Gesicht der Stadt hat trostlose Züge angenommen. Die graue Elendsfarbe sowjetischer Städte hat sich mit dem schmutzigen Braun polnischer Provinz vermischt. An hellen Bauten und ge’pflegten Anlagen sieht man nur Partei- und Repräsentationsbauten sowie "Volksparks" und Sportanlagen. An anderen Häusern sind seit dem Krieg keine Renovierungsarbeiten vorgenommen worden. Reinigung und Kanalisation der Straßen bieten ein Bild der Vernachlässigung. Auf tausend schlecht gekleidete Menschen kaum einer, der im westlichen Sinne normal angezogen ist. Die Frauen bemühen sich rührend, ein wenig schick auszusehen. Alte westliche Modezeitschriften, stehen bei ihnen hoch im Kurs und werden auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Im übrigen wird das Straßenbild von Arbeitern, Soldaten, Polizisten, Schwarzhändlern und Bettlern beherrscht.