Auf die Frage: "Was ist Ihrer Meinung nach der Unterschied zwischen bürgerlicher und sozialistischer Lebensführung?", antwortete ein zwanzigjähriger Maschinenschlosser: "Keine Meinung–ich bin Junggeselle und habe reichlich Geld." Dieselbe Frage war für die meisten jungen Arbeiter, denen sie die Hamburger Akademie für Gemeinwirtschaft im Rahmen einer Untersuchung über die Arbeiterjugend vorlegte, überhaupt unverständlich: die junge Generation der Arbeiterschaft füllt keine Distanz zum Bürgertum. Sie ist überzeugt, den Anschluß gefunden zu haben.

Man kann darüber argumentieren, ob die in solchen Antworten ausgedrückten Gefühle eine objektive Grundlage haben, das heißt, ob man nicht Definitionen des "Bürgerlichen" aufstellen könnte, in welche die Lebenssituation der Befragten objektiv nicht paßt. Aber das wäre nutzlos. Denn die soziale Rangordnung ist in allererster Linie ein subjektiver Tatbestand: der Mensch ist "Bürger" nicht dann, wenn er bestimmte Voraussetzungen erfüllt – Einkommen, Lebensstandard zum Beispiel –, sondern wenn er sich dem Bürgertum zugehörig fühlt und dementsprechend sich verhält und handelt. Wird die Distanz zwischen "Arbeiter" und "Bürger" gar nicht mehr empfunden, dann hören die beiden Situationen soziologisch und politisch auf, Realitäten zu sein: es hat keinen Sinn mehr, von Klassen zu sprechen. Eine an Klassenpositionen fixierte Aussage über die eigene soziale Situation setzt als erstes voraus, "daß man sich selbst mit der Klasse identifiziert", sagt in der Analyse der erwähnten Untersuchung (Arbeiterjugend gestern und heute, demnächst im Verlag Quelle & Meyer, Heidelberg) einer der Verfasser, Heinz Kluth. Diese Identifizierung aber findet nicht mehr statt. Während bei ähnliche! Umfragen noch in der Zwischenkriegszeit viele junge Arbeiter eine Verbesserung ihrer Situation vor. einem "Zusammenbruch des Kapitalismus" und der "Errichtung eines sozialistischen Staates" erhofften, sind jetzt nicht einmal arbeitslose Jugendliche an solchen politischen Veränderungen interessiert. Sondern das Charakteristische ist, daß jeder junge Arbeiter an seine individuelle Chance glaubt, an seine persönliche Aufstiegsmöglichkeit, die er durch Fleiß und Leistung gestalten kann. Und selbst diejenigen, die arbeitslos sind, hoffen, einen Arbeitsplatz durch eigene Tüchtigkeit oder durch Hilfe von Freunden und Verwandten zu finden; ihr Eingebettetsein in die Situation der Allgemeinheit ist ihnen höchstens noch so weit bewußt, daß der eine oder andere von einer "Besserung der allgemeinen Lage", das heißt also von einer günstigeren Konjunktur, spricht. Heinz Kluth stellt daher fest, daß der junge Arbeiter von heute sein Schicksal nicht mehr als Gruppenschicksal erlebt und sich nicht mehr "in ein proletarisches Dasein eingespannt" fühlt, sondern sich bereits zur Majorität, in diesem Falle zur "bürgerlichen Gesellschaft", rechnet.

Dafür sprechen eigentlich alle Tatsachen, die durch die Untersuchung der Hamburger Akademie ans Licht gebracht wurden. Besonders aufschlußreich ist zum Beispiel, wie die jungen Arbeiter folgende Frage beantwortet haben:

Sind Sie der Ansicht, daß es sich gehört, einen Abendanzug beziehungsweise ein Abendkleid anzuziehen, wenn man ins Theater oder ins Konzert geht?

Nicht weniger als 80 v. H. der jungen Arbeiter (75 v. H. der Mädchen) beantworteten diese ganz deutlich auf den bürgerlichen Lebensstil abzielende Frage mit Ja. Es ist übrigens fast derselbe Prozentsatz wie bei den befragten jungen Angestellten und Beamten (78 v. H.), wie überhaupt zwischen den Auffassungen und Verhaltungsweisen dieser drei Gruppen kaum mehr Unterschiede bestehen. Man kann das auch von außen erkennen: Es ist schwerlich, möglich, heute auf einem Sportplatz oder in einem Kino festzustellen, welche jungen Leute Arbeiter, Angestellte, Beamte oder Studenten sein mögen. Dazu müßte man sie schon an ihrem Arbeitsplatz sehen.

So ist es verständlich, wenn der Hamburger Soziologe Schelsky in seiner Einleitung zu den Untersuchungsergebnissen sagt, daß "in einer Gesellschaft, die immer schichten-unspezifischer und generations-undifferenzierter wird, der Begriff der Arbeiterjugend immer mehr an sozialer Realität verliert", und "daß der junge Arbeiter durch den sozialen Aufstieg der Arbeiterschaft heute aus den kollektiven Bindungen einer Klassensolidarität gelöst ist". Er reagiert den Ansprüchen, Gefährdungen, Verführungen der modernen Zivilisation gegenüber "in gleicher Weise als sozial Vereinzelter wie die jungen Menschen aller anderen gesellschaftlichen und beruflichen Gruppen..."

Es handelt sich hier um die nachwachsende Generation, die allmählich das Gros der Arbeiterschaft überhaupt stellen wird. Rechnet man hinzu, daß aus den gleichen Gründen unsere Gesellschaft auch im Hinblick auf den älteren Arbeiter "schichtenunspezifischer" geworden ist, dann muß man daraus schließen, daß der politische Begriff des "Arbeiters", den der Marxismus aller Spielarten bis heute propagiert und der auch im ideologischen Getriebe des politischen Bürgertums zeitweise eine beherrschende Rolle gespielt hat, einfach von der Realität her in einen Liquidationsprozeß geraten ist. Vorangegangen ist ihm seit geraumer Zeit der weniger elastische (weil nicht als Berufsbezeichnung verwendbare) Begriff des Proletariers, der bei uns hauptsächlich nur noch in Biertischgesprächen altersschwacher Parteifunktionäre vorkommt. Der junge Arbeiter weiß gar nicht mehr, was das ist.