Von den vier Männern, die das Gesicht des zweiten Weltkrieges prägten, ist heute nur einer am Leben: Winstön Spencer Churchill. Keinem der anderen bewahrten die Völker ein sonderlich ehrendes Andenken. Roosevelts Name verdunkelte sich rasch; Stalin, vielleicht von seinen Paladinen umgebracht, ist eine verhaßte Erinnerung – von der damnatio memoriae Hitlers ganz zu schweigen. Selbst Churchill mußte einen Tropfen dieses Fegefeuers kosten, als ihm das englische Volk auf der Höhe des Triumphs das Vertrauen entzog, ihn abberief, mitten aus der Potsdamer Konferenz, die über das Schicksal des geschlagenen Deutschland entschied. Wie schwer er es trug, wie maßlos ihm der Undank erschien, spürt man aus seinen Memoiren, obgleich das englische Volk ihn inzwischen zurückberufen hat." Er ist wieder Premierminister; die Herzogswürdestünde ihm jederzeit offen, wäre ihm nicht das Wirken im Unterhaus wichtiger, und das britische Reich schickt sich an, den 80. Geburtstag seines elder statesman mit allem Glanz und ungewöhnlichen Ehren zu feiern.

Seit fast zwei Menschenaltern ist Churchills Name mit Englands Politik verbunden. Sechs Herrschern hat er gedient und fast alle Kabinettsposten bekleidet. Mit 26 Jahren, zum Jahrhundertbeginn, kam er ins Unterhaus. Damals hatte er bereits als Berichterstatter am Burenkrieg teilgenommen, war gefangen worden ("Wenn man allein und unbewaffnet ist", tröstete er sich mit den Worten Napoleons, "mag es verzeihlich sein, sich zu ergeben"). Er war in abenteuerlicher Flucht entkommen, und in seiner Jungfernrede forderte er für die Buren einen harten Krieg, aber einen ehrenvollen Frieden. Das Militärische hat ihm von je gelegen.

Sein Vater, Lord Randolph, der ihn zum Studium der Rechte für "nicht gescheit genug" hielt, schickte ihn auf die Militärakademie, und als der Weltkrieg ausbrach, strahlte Churchill, wie es heißt, über das ganze Gesicht. Er hatte Grund dazu. Als Erster Lord der Admiralität hatte er in seiner impulsiven Art die Flotte gegen ausdrückliche Kabinettsorder schon Tage vorher mobil gemacht. Später setzte er den Plan durch, die Mittelmächte von der Flanke her an den Dardanellen aufzurollen. Daß er blutig scheiterte, war nicht ganz seine Schuld. Aber er mußte zurücktreten, er ging in Flandern an die Front und kam erst 1917 unter Lloyd George als Munitionsminister zurück.

In Versailles war Churchills Einfluß nicht groß, für ihn war der Krieg 1918 nicht zu Ende, er hatte im Bolschewismus sogleich den neuen Feind entdeckt, den es niederzuwerfen galt. Aber die Entente war müde, und nach, einer Intervention mit "geringen Verlusten, aber unzähligen Hinrichtungen" überließ man den Roten das russische Reich. Churchill war auch unter den ersten, die im Nationalsozialismus eine Gefahr für England witterten. Aber, davon wollte man in dem England der dreißiger Jahre nicht viel wissen. Man war mit Hitler, trotz einiger Schönheitsfehler, zufrieden. Die Politik der Beschwichtigung war Mode, man schloß Flottenverträge und sah dem Einmarsch der Truppen im Rheinland und der Besetzung Österreichs und der Tschechoslowakei zu. Leidenschaftlich wandte sich Churchill 1938 gegen das Münchener Abkommen, er forderte eine Politik der Stärke, die den "unnötigen Krieg" vielleicht verhindern oder das Regime stürzen könnte. Aber er war damals isoliert, ohne Amt, ohne Einfluß – bis der Krieg wirklich ausbrach.

Für Churchill war es, trotz aller äußeren Dunkelheit, ein stolzer Tag, als man ihm am 10. Mai 1940 die Leitung der Regierung übertrug – er hatte danach mit aller Macht gestrebt. "An jenem Abend", so schreibt er, "hatte ich das Gefühl, als schreite das Schicksal an meiner Seite, als sei mein ganzes Leben nur Vorbereitung gewesen für diese Stunde und für diese Prüfung."

Man hat bemerkt, daß Churchill in vielem der Gestalt John Bulls gleicht: untersetzt, verbissen und von jener Zähigkeit, die nicht mehr losläßt, was sie einmal gepackt hat. Aber eines unterscheidet ihn, das Churchillsche Temperament. 1940 riß es die ganze Nation mit. Sein großartiger Mut, seine Tatkraft, seine Entschlossenheit, bestärkt durch Roosevelts geheime Zusagen, Amerika werde dem Krieg beitreten, war wohl rettend in scheinbar hoffnungsloser Lage. Und doch birgt dieses Temperament eine Gefahr. Es trübt das kühle Urteil, das England von seinen führenden Männern zu erwarten pflegt, und das war der Grund, warum viele meinten, er werde alle Ämter erhalten, nur nicht das des Premiers. Erst die Katastrophe des Krieges trug ihn empor. Aber hat er sich nicht als großer Mann bewährt? Da allerdings fehlt es in England nicht an kritischen Stimmen. So glänzend der militärische Sieg – seine Politik war eine Niederlage. An die Stelle eines starken Gegners trat ein gefährlicherer, nach den Opfern des zweiten Weltkrieges blieb die Drohung des dritten.

Es wäre allzu billig zu sagen, Churchill habe Rußlands Wendung nicht voraussehen können; es gab genug, die es sahen und sagten. Es zu erkennen, war seine Aufgabe als Leiter der Politik, aber die Lust an der Strategie, am Sieg um des Sieges willen riß ihn fort. Geblendet vom Haß, nicht gegen den Nationalsozialismus so sehr (für Mussolini und Hitler fand er bekanntlich anerkennende Worte), als gegen "Preußen" und Deutschland, verfehlte er die überlieferte, einfache englische Politik: in dem Gegner von heute den Bundesgenossen von morgen zu sehen. Niemand wird leugnen, daß Stalin und Roosevelt ihn unter Druck setzten. In Teheran verließ er sogar den Raum, als Stalin, mit Roosevelts freundlicher Billigung, den Toast auf die künftige Ermordung von 50 000 deutschen Offizieren ausbrachte. Aber er stimmte Roosevelts törichter Forderung nach bedingungsloser Kapitulation zu; er akzeptierte, wenngleich mit Vorbehalten, den Morgenthau-Plan, eine Aufteilung Deutschlands und die Austreibung der Bevölkerung waren ihm recht, und Stalins Wunsch nach deutschen Zwangsarbeitern fand er "nicht unberechtigt".