In den Jahren nach dem Krieg gab es Gegenden, wo plötzlich Holzschlagkommandos auftauchten und aus einer reizenden Waldlandschaft mit träumerischen Schneisen, geheimnisvollen Irrgängen und lauschigen Pfaden ein kahles, entsetzlich übersichtliches Gelände machten. Solche Gelände, bar jeder Poesie, jeder schöpferischen Anregung, erinnerten an aufgeräumte Schreibtische.

Einen verwilderten Schreibtisch in eine glatte Fläche durch sogenanntes Aufräumen zu verwandeln, ist ebenso barbarisch, wie eine romantische Waldgegend abzuholzen. Worin, muß man sich fragen, soll überhaupt der Vorteil eines solchen Vorgehens liegen? Kein Mensch wird mit Recht behaupten können, daß man auf einem aufgeräumten Schreibtisch irgend etwas leichter finden könne, als auf einem naturbelassenen. Kehren wir, um dies zu beweisen, zum Wald zurück. Angenommen, jemand sucht dort einen bestimmten Baum. Es wird ihm nach kurzer Zeit ein leichtes sein, ihn zu finden. Etwa nach einer kleinen Lichtung etwas nach rechts, fünf Bäume weiter, links von einem bemoosten Stein hinter einem kleinen Wacholderstrauch: da steht er. Gesetzt den Fall, man würde den Wald aufräumen, vielmehr abholzen und legte nun die Baumstämme fein säuberlich und ordentlich übereinander. Wie sollte man dann den Baum wiederfinden?

Ganz abgesehen von diesem gewiß schlagenden Beweis, ist das Ordnungmachen auf dem Schreibtisch auch allen Gesetzen des Lebens zuwiderlaufend. Wo gibt es da schon jene 45grädige Ordnung, die dem Schreibtischpedanten so heilig ist? Alles ist auf Intuition und Finderglück aufgebaut und die Orientierung auf dem Schreibtisch als der Welt im kleinen ist eine Lebensschule ersten Ranges. Form- und Farbsinn, Deduktionsfähigkeit und Kombinationsgabe, das gesamte Orientierungsvermögen wird auf ungeahnte Weise durch das natürliche Wachstum der Objekte auf dem Schreibtisch gefördert.

Wozu die Briefe Herrn Hasenkleins in den Leitz-Ordner heften, wo sie zwar alphabetisch eingereiht sind, andererseits aber aus dem Gesichtskreis und Gedächtnis entschwinden? Sie gehören auf den Schreibtisch, wo sie sich durch die optische Wirkung – leicht gelbliches Briefpapier – dem Gedächtnis frisch erhalten. Liegen noch andere gelbliche Briefe auf dem Schreibtisch, setzt automatisch das Unterscheidungsvermögen für Farbnuancen ein.

Warum soll man ferner unbezahlte Rechnungen in einem Ordner zu einem Faszikel der Kümmernis bündeln? Auf dem Schreibtisch improvisiert verteilt, wird ihr peinlicher Eindruck durch daneben- oder darüberliegende Schreiben erfreulichen Inhalts wesentlich abgeschwächt.

Es kann allerdings vorkommen, daß man etwas auf dem Schreibtisch sucht, das man nicht finden kann, weil es unter einem Wolkenkratzer von Schriften verborgen liegt. Aber eines Tages kommt es durch einen zufälligen Abbau doch wieder wie neu beschert zutage. Es sind stille Freuden, die nur der ermessen kann, der weiß, daß ein langgehegter Wunsch größeres Glück gewährt, als seine rasche Erfüllung.

Anregende Mutmaßungen bieten auch Dinge, die sich fragmentarisch in einem Stapel kunterbunten Durcheinanders dem darüberstreifenden Blick zeigen. Da lugt zum Beispiel etwas hervor, zwischen der Einladung der parapsychologischen Gesellschaft zu einem Vortrag Prof. Dr. Spinners über psychosomatische Vorgänge beim Hellsehen und der, in einem unangenehmen hellgrünen Kuvert verborgenen, noch nicht geöffneten und nur gesamten Rechnung der Installationsfirma Tröpfler. Was sich dazwischen zeigt, ist ein undefinierbares Etwas auf Kunstdruckpapier. Was kann das nur sein? Jetzt fängt die Sache an, interessant zu werden. Das einzige, was sich feststellen läßt, ist ein halbkreisartiges Gebilde, das über die Kante des Kuverts der Firma Tröpfler herauswächst. Ob es vielleicht eine Melone darstellt? Es könnte aber auch ein Teil von Churchills Kopf, eines Baseballs oder eine Hügelkuppe sein. Nun kann man je nach Laune und Kombinationsgabe dieses Quiz weiterbetreiben oder einstellen. In diesem Fall zieht man das rätselhafte Druckerzeugnis hervor, wobei sich herausstellt, daß das sphärische Gebilde der Busen der Lollobrigida ist. Er ist samt Zubehör auf dem Programmheft eines Films abgebildet, das versehentlich nach dem letzten Kinobesuch unter die Papiere auf dem Schreibtisch geraten war. Das Programmheft erweist sich übrigens als groß genug, um die Einladung zum Vortrag Prof. Dr. Spinners und die Rechnung der Firma Tröpfler damit zuzudecken.