Der sowjetische Chefdelegierte bei der UNO und stellvertretende Außenminister der Sowjetunion, Dr. jur. Andrej J. Wyschinski, ist im Alter von 71 Jahren einem Herzschlag erlegen.

Es ist gut, daß Wyschinski in New York starb und nicht zu Hause. Dadurch ist allen Spekulationen der Boden entzogen. Von den drei Henkern der baltischen Staaten ist er der einzige, von dem feststeht, daß er eines natürlichen Todes starb. Dekanosow, der Litauen die Schlinge um den Hals legte, fiel als angeblicher Mitverschworener Berijas selbst dem Henker zum Opfer; Schdanow, der Büttel Estlands, wurde (oder wurde nicht?) von jüdischen Ärzten vergiftet, und nur Wyschinski, der 1940 in Riga den Letten sein Ehrenwort verpfändete, um es zwei Monate später zu brechen, und der 1945 den Rumänen ähnliches antat, beendete sein Leben, wie er es begonnen hatte: ohne Geheimnis, ohne Dramatik und ohne Verbrechen.

Er war kein Rebell gegen Elternhaus, Bürgertum oder die bestehende Gesellschaft. Im Gegenteil, es gefiel ihm gut in dieser Gesellschaft. Er machte Karriere in ihr. Das unterscheidet ihn grundsätzlich von anderen, ehrlichen Revolutionären. Wyschinski war weder Proletarier noch antibürgerlicher Intellektueller. Er vertrat einen Typus, der dem Westen, wenn auch in weniger diabolischer Form, wohl bekannt ist. Den Typus des Managers. Er war Manager nicht der Revolution, die ihn wenig interessierte, sondern der Macht, der Diktatur, des Terrors.

Als Mensch war Wyschinski bestimmt nicht unsympathisch. Er konnte liebenswürdig, unterhaltend, charmant sein. Auch seine Begabung wird niemand bezweifeln. Er hatte gründlich Jura studiert und er verstand das komplizierte Spiel, der Außenpolitik. Er war belesen, gebildet, geistreich. Was also fehlte ihm? Offenbar etwas Wesentliches, sonst hätte er nicht unzählige unschuldige Menschen zynisch und unter Fluten von Schimpfworten in den Tod geschickt und würde nicht noch heute in Lettland, Rumänien und seiner eigenen Heimat verflucht.

Gewiß, es fehlten ihm Anstand, Moral, Güte, Menschlichkeit. Aber es fehlte noch mehr: Weisheit. Ohne sie werden Intelligenz, Fleiß, Energie, Ehrgeiz, kurz alle auf die bloße Leistung gerichteten Tugenden im besten Fall sinnlos und im schlimmsten, dem Wyschinskis, böse.

Und noch eines: mit jedem Griff des Todes in die Reihen der überlebenden Stalinisten wachsen die Chancen des Friedens. Denn wenn eine Koexistenz unmöglich ist, dann die, zwischen abendländischem Geist und dem Geist Stalins, oder dem, was von ihm noch lebendig ist. G. U.